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RYLEY WALKER – Deafman Glance

2 Juli 2018 No Comment
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Ryley Walker ist ein Slacker. Dem 28-jährigen Amerikaner auf Twitter zu folgen, heißt fast einem imaginären Kumpel von Beavis & Butthead bei seinen täglichen Äußerungen zur eigenen Befindlichkeit und diversen Alltagsbeobachtungen beizuwohnen. Walker befeuert dort weiterhin mit den obskursten YouTube-Clips seinen eigenen Musik-Kosmos, den der Gitarrist und Sänger nun auf seiner vierten Platte um ausgeprägte Jazzanleihen sowie progressive Elemente erweitert hat.

„Deafman Glance“ ist vom Songmaterial her abwechslungsreicher und fordernder geraten als die eher introvertierteren Vorgänger. Der Mann aus Illinois wollte die ewigen Vergleiche mit Folkgrößen wie Bert Jansch oder auch Van the Man ablegen; vom Anti-Folk Album war sogar im Vorfeld die Rede. Ganz ablegen kann er seine Vorliebe für akustische, variantenreiche Skizzen nicht. Vom Opener „In Castle Dome“, der sich dann doch auf leisen Sohlen im Stile eines John Martyn in die Platte tastet bis hin zum, von zupackenden Licks durchsetzten, Closer „Spoil With The Rest“ zeigt Ryley Walker hier sein ganzes Talent.

„Teluride Speed“ und „Expire“ gehören zum Besten was der Mann bisher auf Platte gebannt hat. Waghalsige Jazzbreaks, fast schon atonale Anflüge und Folkflöte vermischen sich scheinbar spielerisch zu einem homogenen Ganzen. Der verschachtelte Jazzrock der mittleren Steely Dan schimmert öfters durch.
„Accomodations“ und „Can’t Ask Why“ sind intensiv, fast meditativ und von Brüchen durchsetzt wie man sie bei den manischen Soloplatten von Peter Hammill vorfindet. Insbesondere „Can‘t Ask Why“ explodiert nach der Hälfte nahezu im harten Rockriff-Gewitter und lautem Schlagzeug-Donner. „Opposite Middle“ demonstriert mit seinem Uptempo-Beat nochmals die große Stilvielfalt dieser Platte.

Ryley Walker ist ein schnell gelangweiltes Genie, das nach den Aufnahmen eines neuen Albums, bei der jeweils anstehenden Tournee vornehmlich schon die Songs für die nächste Platte im Liveprogramm erprobt. Seine experimentellen Instrumental-Ausflüge mit Schlagzeuger Charles Rumback und Gitarrist Bill MacKay haben Ihn als Musiker und Arrangeur zusätzlich reifen lassen.

Nach etlichen Durchläufen schleicht sich bei „Deafman Glance“ sogar das Gefühl ein, dass dies sein bislang kohärentestes und dynamischstes Werk sein könnte. Auch wenn die Stimme, die oft an den jungen Eddie Vedder erinnert, hier einmal nicht die tragende-erzählerische Rolle einnimmt wie bisher: Walker setzt auf der neuen Scheibe als Gitarrist mit seiner Band brillant die waghalsigsten Songs seiner Karriere um und so gerät „Deafman Glance“ zu einer der besten Veröffentlichung 2018 im Jazz/Folk Sektor bisher.

Bewertung: 5,5 von 6
VÖ: 18.05.2018
www.ryleywalker.com
Label: Dead Oceans (Cargo Records)
Format: CD/LP/Download

Tracklist:
1. In Castle Dom
2. 22 Days
3. Accomodations
4. Can’t Ask Why
5. Opposite Middle
6. Teluride Speed
7. Expired
8. Rocks On The Rainbow
9. Spoil With The Rest

Sascha Kilian
Sascha Kilian

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