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RYLEY WALKER – The Lillywhite Sessions

4 Februar 2019 No Comment
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Ein ganz schöner Brocken, den der Chicagoer Experimentalist Ryley Walker da Ende 2018 eben mal so als Zwischengang nach seiner ebenfalls Anfang 2018 erschienen Studioplatte „Deafman Glance“ auf den Markt geworfen hat. Auf „The Lillywhite Sessions“ definiert er mit seiner mehrköpfigen, variierenden Stammband ein offiziell nie veröffentlichte 2001er-Album der Dave Matthews Band auf seine – sehr eigene – Art neu.

Der 29-jährige Ryley Walker wurde in den Chigaoer Suburbs unter anderem auch mit der konventionellen, eher mainstreamigen Americana der Dave Matthews Band sozialisiert. Es passt dann schon wieder zum Genie von Walker, dass er eine Platte von Dave Matthews komplett neu einspielt, die dieser Anfang der Nullerjahre nach großen Erfolgen aber auch gebeutelt von Alkoholproblemen und Sinnkrisen verwarf.

Das fertige, rohe Album, das von der Produzentenlegende Steve Lillywhite (U2, Morrissey) betreut wurde, schwirrt seither auf allen sozialen Kanälen durchs das Netz und jeder kann nachhören und vergleichen, was der junge Tausendsassa nun daraus gemacht hat.

Ryley Walkers Versionen der Songs sind im direkten Vergleich der beiden Alben überraschend nah am Original. Jedoch sind die Unterschiede doch frappierend. Der Opener „Busted Stuff“ kommt nun als frickeliger, leicht nervöser Postrock daher, wo der Interpretierte, im Original, groovenden Americana-Sound zum Einstieg anbot.

„Diggin A Ditch, das, der damals angeschlagene Matthews, eher introvertiert fasste, rockt bei Walker und seinen Mannen wie nie zuvor. Fast schon konventioneller 4/4 Rock wird aufbrausend mit mächtigem Schlagzeug vorgetragen, den man ihm so, gar nicht zugeordnet hätte. Die Umdeutungslust zeigt sich auch bei „Grey Street“, das im Original einen quicklebendigen Flow hat und in der Neuinterpretation in Richtung Cool Jazz tänzelt, genau wie auch „Sweet Up And Down“, das mächtig vom Saxofon profitiert.

„JTR“ hat nun die Cleverness der späten Steely Dan, wo Dave Matthews und Band folkrockig zu Werke gingen. Das ursprünglich relativ lose Ende des Songs ist für Walker der gesunde Nährboden fast schon experimentellen Freejazz zu zelebrieren und sich sowie seine Band meilenweit aus dem Song heraustragen zu lassen. Eine Lektion in Sachen Rockjazz-Crossover, die Matthews wahrscheinlich nicht mal ansatzweise im Kopf hatte. Ähnlich verfährt der Star des „New Weird America“ später bei „Bartender“, das von einem schamanenhaften Folk in unfassbare Improvisationshöhen übergeht und sich dafür 10 Minuten Zeit nimmt.
„Grace Is Gone“ ist dann 100% Ryley Walker, der den akustischen Folk seines Vorbildes noch mehr entschlackt und gesanglich wunderbar intensiv interpretiert. Dem gegenüber stehen dann wieder fast kakophonische Abstürze wie „Monkey Man“, was sich Matthews in dieser Form so sicher nie erdacht hätte.

Die Original Sessions aus den Jahren 99/00 haben einen rohen und unfertigen Charakter. Teile der Songs wurden von der Dave Matthews Band später nochmals neu in cleaneren Versionen aufgenommen. Fans der Band schwärmen aber heute noch vom zupackenden, unpolierten Charakter der ursprünglichen Aufnahmen.

Die Spielfreude und die Lust an der musikalischen Auseinandersetzung mit diesen halbfertigen Aufnahmen und dem „Quasi-Scheitern“ seines uncoolen Jugendidols sind dem Album deutlich anzuhören. Walker will den hemdsärmeligen aber kommerziell sehr erfolgreichen US-Songwriter nicht bloßstellen. Ihm geht es darum die Songs zu defragmentieren und wenn möglich neu zusammenzusetzen oder auch eben originär zu belassen.

Eine hochinteressante Platte, die man wieder und wieder hören muss und die Ryley Walker auch als Gitarristen auf höchstem Niveau zeigen. Eine „Coverplatte“, bei der, wie so oft beim 29-Jährigen, Wohlklang und scheinbar freie Improvisation ineinanderfließen. Mehr als ein schöner Appetithaben auf seine nächste reguläre Studioplatte, mit der der emsige Pionier sicher nicht lange hinterm Berg halten wird.

Bewertung: 4,5 von 6

VÖ: 16.11.2018
Label: Dead Oceans / Cargo Records
Web: www.ryleywalker.com
Format: Vinyl / Download / CD

Tracklist:

01. Busted Stuff
02. Grey Street
03. Diggin’ A Ditch
04. Sweet Up And Down
05. JTR
06. Big Eyed Fish
07. Grace Is Gone
08. Captain
09. Bartender
10. Monkey Man
11. Kit Kat Jam
12. Raven

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