Home » Reviews, Tonträger

SELIG – Kashmir Karma

2 Dezember 2017 No Comment
Share

Das vierte Album der Hamburger nach ihrem Reboot 2008 beginnt so, als ob Dave Wyndorfs Monster Magnet nach „Superjudge“ 1993 endlich von ihren schlechten Trips runtergekommen wären. „Unsterblich“ versetzt uns Ad-hoc in die Frühneunziger als psychedelisch-geprägter Grunge aus Seattle, dem cleanen 80s Rocksound einen kräftigen Tritt verpasste. Bereits hier zeigt die mittlerweile zum Quartett geschrumpfte 90s-Legende alle ihre Stärken: Leo Schmidthals Bass pumpt und ist deutlich hörbar, Schlagzeuger Stephan Eggert setzt seine Kraft im Sinne des Songs ein und Christian Neanders Gitarre ist über jeden Zweifel erhaben.

Alles das wäre jedoch nur die Hälfte wert wenn die Band mit dem charismatischen Jan Plewka nicht über eine der wenigen deutschen Rockstimmen mit Wiedererkennungswert verfügen würde. „Die Zeit ist ein Raum. Die Welt ist ein Traum“ wiederholt er mantrahaft in diesem Fiebertraum.

Auch sonst ist „Kashmir Karma“ ein sehr vitaler Leistungsnachweis des „Hippiegrunges“, wie die Band ihren Stil einst treffend selbst beschrieb. An insgesamt 50 Tagen innerhalb eines Jahres in schwedischen Abgeschiedenheit aufgenommen, rückt die Band wieder enger zusammen, feilt hart am Songwriting und findet auf „Kashmir Karma“ einen homogenen Bandsound.

Alles greift songdienlich ineinander, egal ob im Uptempobereich bei der starken Single „Nimm mich so wie du bist“, „Lebenselexir“ oder „Lass los“ oder bei der großen Balladen „Wintertag“, bei der Plewka nochmal textlich und gesanglich seinem großen Vorbild Rio Reiser die Ehre erweist. Neander lässt dazu eine Frühsiebziger-Stonesgitarre unwiderstehlich perlen. „Zu bequem“ bricht den Fluss der Platte mit einem schleppenden Delta-Blues auf und „DJ“ wäre mit seinem Stakkato-Riffing und dem Wall Of Sound in den 90s mit entsprechendem Video sicherlich bei MTV auf Heavy Rotation gelaufen.

Es macht auch nach etlichen Läufen große Freude „Kashmir Karma“ immer tiefer zu entdecken und quasi in einen Sog gezogen zu werden. „Unterwegs“ transportiert perfekt dieses Hörgefühl und baut sich orgiastisch auf bis Plewka im Refrain die denkwürdigen Zeilen „Unterwegs um zu vergessen, nicht mehr vermissen müssen. Was hinter mir liegt erleuchtet den Weg bis die Welt sich leise aus der Zeit raus dreht“ immer lauter und intensiver hinaus schreit. Hier zeigt sich die ganze Erfahrung und Abgeklärtheit, die sich die Band im harten Rock-Business und dem steinigen Weg seit „Ohne dich“ im Jahr 1994 erarbeitet hat. Sehr groß!

Der Titelsong bildet mit seinem fernöstlichen Sentiment und klassischen 70s Wah-Wah Gitarren einen elegischen Abschluss für eine außerordentliche Rockplatte mit deutschen Texten, die zum Ende des Musikjahres 2017 nochmals ein großes Ausrufezeichen setzt.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 03.11.2017
www.selig.eu
Label: Sony Music
Format: CD/LP/Download

Tracklist:
1. Unsterblich
2. Nimm mich so wie du bist
3. Wintertag
4. Alles ist nix
5. DJ
6. Zu bequem
7. Unterwegs
8. Lebenselixier
9. Feuer und Wasser
10. Lass los
11. Kashmir Karma

Sascha Kilian
Sascha Kilian

Letzte Artikel von Sascha Kilian (Alle anzeigen)

Share

Leave your response!

Add your comment below, or trackback from your own site. You can also subscribe to these comments via RSS.

Be nice. Keep it clean. Stay on topic. No spam.

You can use these tags:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

This is a Gravatar-enabled weblog. To get your own globally-recognized-avatar, please register at Gravatar.