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STONE FOUNDATION – Everybody, Anyone

27 August 2018 No Comment
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STONE FOUNDATION erleben derzeit eine höchst selten anzutreffende Karriereentwicklung. In dem heutzutage so sehr auf kurzfristige Perspektiven orientiertem Musikbusiness sind sie der lebende Gegenbeweis, dass es sich auszählen kann über Jahre beharrlich sein eigenes Ding zu machen ohne sich um Moden, Trends und Hypes zu kümmern. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie sich in einer Szene bewegen, die in Deutschland nur Insidern vertraut ist, aber im UK eine breite Basis an loyalen Fans hat – Northern Soul. Dieses Genre hat eine Gefolgschaft, die sich aus der Mod-Bewegung, der Scooter-Szene, aber auch aus anderen Quellen speist und auf der Insel in guter alter Working-Class-Tradition verwurzelt ist. Hierzulande wurde dieses Phänomen Anfang der 1990er Jahre durch den Film „The Commitments“ einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In dieser Szene bewegen sich Stone Foundation, die je nach Zählweise mit „Everybody, Anyone“ ihren fünften (auf regulären Lables) bzw. achten (wenn man die ersten drei im Selbstvertrieb veröffentlichten Alben dazu zählt) Longplayer heraus bringen.

Ihr letztjähriges Studioalbum „Street Rituals“ war für die Band ein bahnbrechender Meilenstein, denn kein geringerer als PAUL WELLER lud die Band in sein Black Barn-Studio ein und fungierte nicht nur als Produzent und Co-Songwriter, sondern spielte auch Gitarre und Piano und sang vor allem Lead- und Backgroundvocals, so dass viele Wellerheads auf Stone Foundation aufmerksam wurden und sich vor allem daran ergötzen konnten, Weller noch mal in einem Soundgewand zu hören, das man bei ihm zuletzt in den frühen 1990er Jahre in dieser Konsequenz hören konnte.  In der Zwischenzeit gab es ein Livealbum „Live Rituals“ (auf dem Weller auch zu hören ist) und da man das Eisen schmieden soll, solange es heiß ist, kommt jetzt schon das nächste Studioalbum, das erneut in Wellers Black Barn Studio aufgenommen wurde, aber eigentlich ohne größere Einwirkung des Hausherren entstehen sollte.

Neil Jones (Lead-Vocals, Gitarre) und Neil Sheasby (Bass) übernahmen in Zusammenarbeit mit Engineer Charles Reece die Produktion und ihnen schwebte vor diesmal ein Sound vor, der mehr auf schweren Funkgrooves basieren sollte. Neil Jones nennt es ihre „Soul Boy“-Platte, auf der sie Themen der sozialen Ungerechtigkeit, aber auch Hoffnung in spiritueller Hinsicht thematisieren. Jones wurde als Kind christlich geprägt und ist auch ein spirituell empfänglicher Mensch geblieben, auch wenn er heute nicht mehr an einen christlichen Gott glaubt. Ein Song wie „Heavenly Father“ ist demnach auch nicht direkt durch Jesus oder dessen Vater inspiriert, sondern durch eine Dokumentation über Marvin Gaye. Was ihn jedoch immer noch mit seiner Jugend und dem regulären Kirchgang verbindet, ist die spirituelle Energie, die in der Zusammenkunft von Menschen entstehen kann und die auch auf Konzerten der Band spürbar wird.

Auf „Everybody, Anyone“ haben die beiden Neils den Bass im Sound weiter in den Vordergrund gebracht und Jones hat, anders als auf den letzten Platten, auf vielen Songs seine Gitarrenparts gedoppelt und geschichtet um einen Sound in Richtung Chic zu kreieren. Besonders ist das auf „Give The Man A Hand“ zu hören. Ein anderes Beispiel für den speziellen Sound des Albums ist das als Leadtrack veröffentlichte „Standing On The Top“, das neben dem bereits erwähnten prominenten Bass auch einen fantastischen Piano-Sound unter dem Groove hat. Die LP beginnt mit dem auf der Deutschland-Tour im Frühjahr auch bereits vorgestellten „Sweet Forgiveness“, das den Ton der Platte gut vorweg nimmt. Das Mantra „Nobody can do everything, but everybody can do something“ gibt Hoffnung, aber fordert auch ein, den Arsch hoch zu kriegen.

Für den Song „Carry The News“ schlug Stone Foundation-Schlagzeuger Phil Ford vor, dass Steve White, Drummer von The Style Council und bis 2006 auch bei Paul Weller solo, der ihn berufsbedingt auch auf der Deutschland-Tour im Frühjahr 2018 vertreten hatte, für die Studioaufnahme spielen sollte. Neil Jones wollte für diesen Track auch noch einen weiteren Pianisten neben dem regulären Keyboarder Ian Arnold haben und White schlug vor, Mick Talbot, mit dem er viele Jahre bei The Style Council, aber auch noch in dem Projekt Talbot/White zusammen gespielt hatte, zu kontaktieren. Gesagt, getan, Talbot war sofort bereit und so veredelte er den Song mit seinem Spiel. Etwas später tauchte Paul Weller dann im Studio auf und hörte sich an, was da ohne sein Mitwirken mittlerweile entstanden war und war dann so begeistert, dass er doch beschloss auch an dieser Platte mitzuwirken. Sein Backgroundgesang bei „Carry The News“ führte dann zu einer fast-Reunion von TSC als Teil von Stone Foundation. Und auch bei weiteren Tracks steuerte er Harmoniegesänge bei, spielte Gitarre oder Piano, zwar weniger präsent als auf dem letzten Album, aber immer noch deutlich zu hören.

Messers Weller/Talbot/White sind aber nicht die einzigen Gäste auf dieser Platte. Auf „Don’t Walk Away” singt Kathryn Williams und auf „Only You Can“ ist Hamish Stuart von der Average White Band und auch von der Zusammenarbeit mit Paul McCartney bekannt, zu hören. Stone Foundation stellen mit „Everybody, Anyone“ unter Beweis, dass sie in der Lage sind in der momentan für sie günstigen Situation mit einem überzeugenden Nachfolger zu „Street Rituals“ sich als eigenständiger Act zu etablieren. Sie ziehen ihr Ding durch und halten dabei ein beachtliches Niveau. Hoffen wir, dass sie auch in Folge der Veröffentlichung von „Everybody, Anyone“ den Weg auf deutsche Bühnen finden werden!

Bewertung: 5 von 6

VÖ: 24.08.2018

http://www.stonefoundation.co.uk

Tracklist:

  1. Sweet Forgiveness
  2. Standing On The Top
  3. Don’t Walk Away (with Kathryn Williams)
  4. Give The Man A Hand
  5. Next Time Around
  6. Carry The News
  7. Only You Can (with Hamish Stuart)
  8. Heavenly Father
  9. Belief
  10. Please Be Upstanding
  11. Rise Above It

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