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THE BOOTS – Beat! The Complete Telefunken Years

4 Juli 2016 No Comment
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The BootsWie schön – da hat sich das kleine aber feine Reissue-Unterlabel RPM International nun endlich mal einer deutschen 60s Band gewidmet: THE BOOTS aus Berlin. Die krachige R’n’B-Truppe spielte zwar kommerziell nicht in einer Liga mit den LORDS oder RATTLES, ist aber nicht zuletzt dank der Tatsache, dass es direkt zwei ihrer Songs auf das Nuggets II Boxset schafften international unter Kennern wohl die angesehenste. Gerell wird deutscher Musik vor Krautrock ja wenig Beachtung geschenkt – die Schlager-Heinis auf der einen Seite und die primär covernden Beat-Bands auf der anderen sahen neben den blühenden Szenen anderer Länder wie etwa Frankreich oder Holland zugegebenermaßen auch etwas alt aus. Ganz zu schweigen von England und den USA.

Doch auch hierzulande wurde gute Musik gemacht – und das sowohl von Schlager als auch von Beat-Seite aus – man sollte nur wissen wo man hinhören muss und keine voreiligen Schlüsse ziehen. THE BOOTS sind als Einstieg jedenfalls gar nicht mal so verkehrt – zugegebenermaßen konnten sie was Originalität angeht nicht mit dem irren Charme der LORDS oder dem zumindest teilweise großartigen Output des RATTLES-Karussells mithalten, aber für britische-geprägten R’n’B gab es wenig besseres. Das große Problem – die Band um den legendären Sänger Werner Krabbe hatte kaum eigenes Material zu bieten. So bestand ihre erste und hier vollständig auf CD 1 enthaltene Platte „Here Are The Boots“ ausschließlich aus Fremd-Kompositionen. Das war allerdings bei den frühen STONES oder ANIMALS Alben nicht anders.

So lärmt sich das Quintett mit größtmöglichem Enthusiasmus durch die 14 Stücke – aufgenommen wurde das alles – inklusive noch zwei weiterer Tracks, die später als Single veröffentlicht wurden – komplett live, ohne Effekte und in zwei Stunden. Und genau dieser rohe und spontane Aspekt ist es nun immer noch, der dieser Platte eine Daseinsberechtigung gibt. So hat „Here Are The Boots“ den Charme eines Live Albums, aber in bester mitt-60er Studio-Qualität. „She’s About A Mover“, „But You Never Do It Babe“ und „Gloria“ inklusive Bierflaschen Bottleneck Solo sind maximal krachige ’60s R’n’B-Garagen-Punk Biester, die sich nicht hinter den englischen Versionen verstecken brauchen. Krabbes rauer und kaum Akzent-geschwängerter Gesang tut sein übriges.

Die Sternstunde markierte dann leider auch das Ende der Urbesetzung mit Krabbe als Sänger – „Gaby“ war die erste Eigenkomposition und zu Recht posthum auf Nuggets II vertreten. Der düstere Fuzz-getriebene Song wäre der perfekte Startschuss für Album Nummer zwei gewesen. Auch die ebenso düstere, aber elegantere B-Seite „Another Tear Falls“ zeigt eine weitere Facette der Band. Ein anderes halbes Krabbe-Original gibt es dann noch mit dem leidenschaftlichen Deutsch-Beat-Heuler „Aber Ich Blieb Kuhl“ und auch die erst 1998 erstmals veröffentlichte 1966er Aufnahme „Hey Hey Hey (Der Sinn des Lebens)“ zeigte wohin die Reise mit ein bisschen mehr Durchhaltevermögen hätte hingehen können.

Doch Krabbe passte die neu gewonnene Soul-Leidenschaft seiner Band nicht mehr und er machte sich vom Acker. Schade! Mit dem Niederländer Jacques Eckhard fand man zwar einen guten Ersatz, aber das zweite Album „Beat With The Boots“ – hier auch komplett auf CD 2 vertreten – hielt nicht was sein Titel und Vorgänger versprach. Vom Label bekam man dazu einen gewissen SANFORD ALEXANDER vorgesetzt, dessen Kompositionen aufgenommen werden sollten. Das schmeckte der Band gar nicht, doch leisteten sie dem Auftrag Folge und spielten für das Album fünf seiner Kompositionen ein. Trotz des bitteren Beigeschmacks muss aber im Nachhinein anerkannt werden, dass diese Songs auf dem sonst eher mauen Soul-lastigen Album die Highlights sind. Die von der Band ausgesuchten Coverversionen stinken hingegen gegen die Originale fast ausnahmslos ab – „I Feel Good“ oder „Green Onions“ sind fast schon ein Witz. Allein „Barefootin'“ ist durch das wilde Schlagzeugspiel von Heinz Hoff wirklich hörenswert. Zum Ende gibt es dann aber noch mal vier Live-Tracks aus der Krabbe Ära, die das Paket furios abschließen.

So ist es hier also primär CD 1, die den Kauf rechtfertigt und „Beat! The Complete Telefunken Years“ zu einem absoluten Pflichtkauf für 60s R’n’B- und Beat-Aficionados macht – der Rest ist lediglich hübsches Beiwerk für die Komplettisten. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass sie RPM International mal noch ein paar anderen deutschen Bands dieser Zeit widmet und deren Schaffen aufs Essentielle komprimiert und aufbereitet. Vielen Dank schon mal für diesen Einstieg!

Bewertung: 4/6
Label:
RPM International / Cherry Red
VÖ: 01.07.2016
cherryred.co.uk

Trackliste:
Disk: 1

„Here Are The Boots“ 1965

  1. She’s About A Mover
  2. Mama Keep Your Big Mouth Shut
  3. Gloria
  4. It Ain’t Necessarily So
  5. Got Love If You Want It
  6. But You Never Do It, Babe
  7. Enchanted Sea
  8. Baby, Please Don’t Go
  9. Whatcha You Gonna Do About It
  10. I Remember When I Loved Her
  11. Jump Back, Baby
  12. Dimples
  13. Boogie Children
  14. Remember (Walking In The Sand)

 

Bonus Tracks

  1. In The Midnight Hour
  2. Watch Your Step
  3. Gaby
  4. Another Tear Falls
  5. Aber Ich Blieb Kuhl
  6. Hey Hey Hey

 

Disk: 2

„Beat With The Boots“, 1967

  1. Searching Days
  2. It’s A Man’s, Man’s, Man’s World
  3. I Feel Good
  4. It Was A Private Affair
  5. I Can Not Believe
  6. Barefootin‘
  7. Green Onions
  8. Alexander
  9. Do You Really Know
  10. Get Out Of My Life Woman
  11. Don’t Fight It
  12. I Don’t Want To Go On Without You
  13. Comin‘ Home
  14. Out Of Sight

 

Bonus Tracks

  1. Crazy Enough For Me (Spoonful) (Live)
  2. You re Gonna Wreck My Life (Live)
  3. I Wish You Would (Live)
  4. One More Time (Live)
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