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THE DAMNED – Evil Spirits

22 Mai 2018 No Comment
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„Ich weiß nicht warum wir wieder 10 Jahre für ein neues Album gebraucht haben?“ ließ Captain Sensibel beim Deutschland-Tourauftakt in Frankfurt die Fangemeinde wissen. Es wäre ja auch nicht so, dass sie es nicht schon 2 x nach dem Comeback des Captains als Gitarrist Ende der 90s versucht hätten, aber die Ergebnisse 2001 mit „Grave Disorder“ und 2008 mit „So, Who’s Paranoid?“ waren nicht wirklich das Gelbe vom Ei.

Nach einem tourneemäßig sehr erfolgreichen 40-jährigen Bandjubiläum 2016 ergab sich dann doch endlich die Gelegenheit mit Produzentenlegende Tony Visconti in Brooklyn ins Studio zu gehen um sich den Wunschtraum zu erfüllen, mit ihm den typischen The Damned-Sound in einer 70s-Soundästhetik adäquat auf eine neue Platte zu bannen.

Und so hat „Evil Spirits“ wirklich von allem etwas, was die Bandbreite von klassischer britischer Rockmusik ausmacht. Natürlich können die fünf Londoner – die verbliebenen Gründungsmitglieder David Vanian und Captain Sensible sind über 60 Jahre alt – nicht mehr die enthemmten Punkerfinder des Jahres 1976 geben. Im Gegenteil, der Sound des Jahres 2018 ist stil- und würdevoll angepasst und bedient sich, wenn überhaupt, mehr an der mittleren Phase der Band. Und noch wichtiger: Sie haben 10 starke Kompositionen am Start.

Verheißungsvoll und mit einem Revolver bewaffnet betritt die Schattengestalt auf dem Cover einen dunklen Raum und alle fünf Namen der aktuellen Besetzung sind zu den wunderbar anachronisch-verheißungsvollen Zeilen: „The Damned Present To You The Full-Length LP“ ebenfalls zu lesen.

Mit der Vorabsingle „Standing On The Edge Of Tomorrow“ steht dann auch gleich eine mächtig nach vorne drängende Nummer aus der Feder von David Vanian wie ein Monolith am Anfang des Albums. Alle Band-Trademarks zeigen sich intakt und Vanians Vorliebe für Gothikanleihen bei den Vocals werden mit Captain Sensibles outrierter aber effektvoller Gitarrenarbeit zu einer wahren Hymne verschmolzen, die jetzt auch bei den Livekonzerten bestens ankam. Ein eindrucksvolles Lebenszeichen nach 10 Jahren und auch textlich passend, da es die Ungewissheit der menschlichen Zivilisation mit der Erwartungshaltung zur neuen Platte verknüpft.

„Devil In Disguise“ hält den Energielevel hoch, spielt textlich mit dem Image des zweiten, bösen Ichs (Vanians Paraderolle) und könnte von den späten The Cramps stammen. Mit „We’re So Nice“ hat der Captain dann seinen großen Auftritt und wieder mal zeigt sich seine Vorliebe für die Psychedelika eines Syd Barrett, an den seine Stimme, wie einst bei „Silly Kids Games“, erinnert. Selbstironisch hinterfragt er die Rolle Englands in bezug zu ihren „Masters“ und beim Outro ist dann wieder seine famose Gitarrenarbeit zu hören; ein klassischer früher Damned-Moment .

„Look Left“, von Schlagzeuger Pinch verfasst, ist musikalisch Pop der Marke XXL. Vanians Stimme klingt hier erhaben und Keyboarder Monty Oxymoron verleiht dem bombastischen Stück zusätzliche progressive Elemente. Eine gute Wahl als zweite Single und musikalisch hätte man sich hierzu auch gut den späten Morrissey vorstellen können, wenn dieser wieder mit Tony Visconti zusammenarbeiten würde.

Vanians Vorliebe für MC5 und auch The Who befeuert dann das zusammen mit Oxymoron verfasste „Evil Spirits“. Das Titelstück klingt in dieser Kombination wirklich fast wie The Doors bei einem Live-Jam Ende der 60s. Viscontis Produktion kommt hier dem Gesamtsound der Band absolut zugute. „Shadow Evocation“ erinnert an die „Phantasmagoria“-Phase. Goth-Chöre, ein galoppierender Groove und dramatische Pianoanschläge verfehlen ihre Wirkung nicht.

„Sonar Deceit“ beginnt fast wie „A Town Called Malice“ der seligen Modrevial-Legende The Jam. Der hüpfende Bass von „Heimkehrer“ Paul Gray, Trompete sowie ein eingängiger Chorus unterstützen den Motown Beat und Vanian singt beherzt.
„Procrastination“ wiederum ist mit seiner jubilierenden Hammond und dem mehrstimmigen Chorus vom britischen Beat der 60s beeinflusst.

„Daily Liar“, das mit seiner Bachtrompete, dem Upbeat und der Gitarrenarbeit Erinnerungen an The Monkeys evoziert, endet hysterisch in einer Art Gospel bevor „I Don’t Care“ als Schlusspunkt und typisches Vanian-Stück, nach dramatischem a-cappella Beginn, mächtig loslegt und Blasinstrumente sowie Keyboards ein längeres Outro einleiten.

Die ersten Kritikermeinungen zu dieser Scheibe waren nicht einhellig. Tony Visconti hat es aber geschafft, die Stärken der 4-5 verschiedenen Songschreiber dieser Platte zu einen und zu einem extrem homogenen Endprodukt zu bündeln.
Dabei stehen Sensibles außerordentliche Gitarrenarbeit und Vanians Gesang sowie seine Aura als dunkler Frontmann, der immer noch intakt zwischen Evil Elvis und Jim Morrison changiert , definitiv im Fokus. Bei Außerachtlassen der einstigen Punkattitude der Band und in Anbetracht, dass The Damned musikalisch immer versierter und offener waren als andere Punkbands, stellt „Evil Spirits“ ein gelungenes Alterswerk dar, das nie peinlich oder gewollt wirkt und sehr gut ohne „1,2,3“-Punkkracher auskommt.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 13.04.2018
Label: Spinefarm Records
Format: Vinyl / CD / Download

THE DAMNED „Evil Spirits“ Tracklist:
1. Standing On The Edge Of Tomorrow
2. Devil In Disguise
3. We’re So Nice
4. Look Left
5. Evil Spirits
6. Shadow Evocation
7. Sonar Deceit
8. Procrastination
9. Daily Liar
10. I Don’t Care

Sascha Kilian
Sascha Kilian

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