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THE DREAM SYNDICATE – How did I find myself here?

6 November 2017 No Comment
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Über einer seiner Lieblingsbands als Musikkritiker eine Kritik zu schreiben, ist nicht einfach. Noch schwieriger wird es, wenn es sich um ein Reunion-Album einer Lieblingsband handelt, da die Messlatte hoch liegt. In diesem Fall ist der Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelungen: Dream Syndicate aus Los Angeles waren einer der Paisley Underground-Gitarren Bands, die inspiriert von den Swinging Sixties aufbrachen die Musikwelt zu erobern. Steve Wynns Band begann 1981 in einem Keller mit langen psychedelischen Gitarren-Jams im Stile von Television / Crazy Horse / Velvet Underground. Kombiniert mit Texten im Stile eines Lou Reed schufen sie Lieder, die sie über Nacht zu Kritikerlieblingen weltweit machten.

Gleich mit ihrem Debütalbum „The days of wine and roses“ das 1983 in drei Tagen aufgenommen wurde und auf einem Indie-Label erschien, lieferten sie eines der epochalen und zeitlosen Post-Punk-Meisterwerke der Achtziger ab, das noch 1984 von „The Medicine Show“ auf A&M Records getoppt wurde. Mit Sandy Pearlman an den Reglern hatten sie einen Produzenten, der bereits The Clash und Blue Öyster Cult betreut hatte und für spektakulär-grandiose und epische Alben bekannt war. So war für mich 1984 „Medicine Show“ der Einstieg in die Welt von Steve Wynn, dem Sänger und Gitarrist. Mitglieder kamen und gingen, von der Urbesetzung blieb nur Schlagzeuger Dennis Duck als Fixpunkt übrig.

Während Gitarrenband-Kollegen mit charismatischen Sängern wie U2 und R.E.M., mit denen die Band auf Tour ging, kommerziell alle Rekorde brachen, waren Dream Syndicate nicht annähernd kommerziell erfolgreich und bedienten bewusst / unbewusst ein Nischenpublikum wie Echo & the Bunnymen oder Wire. Das Ergebnis war der Ruf des ewigen Geheimtipps. Als 1989 sich die Band nach vier Alben auflöste, war man der Meinung, dass man „alles getan hatte, was man sich vorgenommen hatte zu erreichen.“ (O-Ton Wynn). Steve Wynn begann eine Solo-Karriere, Dennis Duck trommelte wieder für seine alte Band Human Hands und mit den Continental Drifters fand Bassist Mark Walton eine neue Band.

Als 2012 sich für ein Festival in Spanien die Band reformierte, geschah dies eher durch Zufall und, siehe da, die alte Chemie war wieder da. Angespornt durch den Erfolg ging die Band im Juni 2013 auf Tournee in Europa, wo die Band euphorisch gefeiert wurde (s. Kritik Stadtgarten Köln).

Überraschenderweise kam nun 2017 das erste Studioalbum seit 29 Jahren heraus, das die Band selber mit Chris Cacavas, einem alten Weggefährten und seines Zeichen ex-Keyboarder der Wüstenrocker Green on Red und Solokünstler (Junkyard Love), in Richmond, Virginia aufnahm und selber produzierte. Im Grunde ist es immer noch die kleine Garagenband, die frei von kommerziellem Druck ein Album ablieferte, das eine beeindruckende künstlerische wie instrumentelle Weiterentwicklung dokumentiert: Viele Songs sind stark Krautrock (Neu!) beeinflusst oder hören sich an als ob sie da weitermachen wo „Heroes“ von David Bowie endet. Man vermutet eher, dass das Album in den Hansa Studios in Berlin oder im Studio von Conny Plank in Wolperath aufgenommen ist als im amerikanischen Süden. Wynns Gesang ist tief im Mix verborgen und seine präzisen Milieubeschreibungen weisen ihn als den Lou Reed des Paisley Underground aus. Die Gitarrenarbeit von Neuzugang Jason Victor ist phantasievoll während die Rhythmus-Gruppe von Duck und Walton im Stile von Wyman / Watts unauffällig hinten dicht macht.

Der Opener „Filter me through you“ bohrt sich mit einem byrdsigen Jinglejangle wie einst „Tell me when it’s over“ von 1982 durch die Hirnwindungen. „Glide“ ist der Hit, der der Band stets verwehrt blieb – ein simples Riff im Stile Michael Rothers (Neu!, Kraftwerk), das durch Mark Waltons stampfenden Bass und Dennis Ducks simple Schlagzeug-Begleitung auf U2-Pfaden wandelt ohne deren Banalität zu erreichen. Keyboarder Chris Cacavas, der mit L.A. Süd ein Krautrock-ähnliches Projekt in Karlsruhe unterhält, ist hier besonders prominent vertreten. Der Song löst sich wie das Riff schließlich grandios in einem riesigen White Noise Sound auf.

„80 West“ ist ein Rocker, der unter Beweis stellt, dass Wynn immer noch für Story-Telling der alten Schule gut ist. Mein persönlicher Favorit ist das primär mit akustischen Gitarren eingespielte „Like Mary“, das simpel aber effektiv in alter Dream Syndicate-Manier Charaktere skizziert und mit einer schönen Melodie überzeugt. Das Titelstück ist primär abgehangener Funkrock (!), der klingt als ob James Brown bei den Rolling Stones eingestiegen wäre und 1972 bei den Exile on Main Street Sessions in Nellcote, Südfrankreich, eingespielt worden wäre. Wynn und Victor liefern sich hier ein Gitarrenduell der besonderen Art. Ein toller Abschluss ist das mit der Ur-Bassistin und dem späteren Clay Allison- und Opal-Mitglied Kendra Smith am Gesang eingespielte „Kendra’s dream“. Ein stream of consciousness Text, der eine Brücke zu 1982 schlägt. Die Band steuert einen wunderbar verträumten improvisierten Backingtrack dazu bei.

Das Album wird dem Bandnamen gerecht und vermittelt einen der Welt entrückten Sound, der 2017 seinesgleichen im Rock sucht. Wer auf Feedback-Gitarrensounds à la My Bloody Valentine u.ä. steht, wird hier fündig. Für alle Paisley Underground- und Krautrock-Fans ist diese Scheibe ein Muss, die Hardcore-Fans haben die Scheibe eh schon. Ein beeindruckendes und unerwartet gutes Reunion-Album, das den Mythos und den Status von Dream Syndicate als genredefinierende Band untermauert. Nun können wir nur hoffen, dass die anderen Paisley Underground-Bands wie Rain Parade, Long Ryders oder Three O’Clock nachziehen und ähnliche Werke abliefern.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 08.09.17
Label: ANTI- / Indigo
Band: www.thedreamsyndicate.com
Web: www.anti.com

THE DREAM SYNDICATE „How did I find myself here?“ Tracklist:
1. Filter me through you
2. Glide
3. Out of my head
4. 80 West
5. Like Mary
6. The circle
7. How did I find myself here?
8. Kendra’s dream

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