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THE FERNWEH – s/t

7 Januar 2019 No Comment
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Sehr spät im Jahr 2018 erreichte uns eine Veröffentlichung aus dem Hause Skeleton Key (The Coral), die getrost noch zu den schönsten und geschmackvollsten des vergangenen Jahres gezählt werden darf.

Das Fernweh-Bandkollektiv besteht im Kern aus den drei britischen Musikern Jamie Backhouse, Ned Crowther und Austin Murphy, die sich zum Teil aus vergangenen Projekten (z.B. The Zutons) kennen. Gemeinsam entwerfen sie auf dem vorliegenden Debut ihre Vision von britischem Folk & Psychedelia der Late 60 s und Early 70s, gepaart mit moderaten US-Westcoast-Einflüssen.

Die ganze Platte klingt wie aus einem Guss. Von den zupackenden Gitarrenanschlägen des Openers „The Liar“ bis zum Schlussakkord von „Afternoon Nap“, ist dies eine stimmige Winterplatte (bezeichnend „Winterlude“), die förmlich zum introvertierten Zuhören und Verweilen aufruft. Die Scheibe durchzieht mit ihren akustischen Interludes eine leichte Wehmut sowie eine Vorahnung auf die dunkle Jahreszeit. Thematisch fühlt man sich auch an „Cut From A Star“, dem Solodebut des The Coral Schlagzeugers Ian Skelly, erinnert.

Die beiden Vorabsingles und die kammermusikalische Instrumental B-Seite „Timepiece“ sind hier nochmals enthalten. Das sehnsüchtig-bittersüße „Next Time Around“ erinnert dabei an artverwandtes wie The Clientel und „Is This Man Bothering You“ ist Spätsechziger Rock mit psychedelischem Einschlag, wie man ihn einst von den Pretty Things serviert bekam.

The Fernweh nehmen sich Zeit und entwickeln viele ihrer Songs mit vorsichtigen Herantasten. Ältere Musikliebhaber erinnern sich z.B. bei „Hand me Down“ an die frühen70s als Bands wie Magna Carta, Fairport Convention oder Amazing Blondel die Spielarten des britischen Folkrock ausloteten. Aber auch der unterschiedliche Einsatz von Flöten („Where Did The Sea Go“), Geige („One Hundreds Flowers Bloom“), 60s Spinett und 70s Saxofon („Dressing Up Box“) wird hier absolut songdienlich zum Gesamtkonzept verwoben.

Beim sphärischen „New Brighton Sigh“ meint man noch einmal den seligen Pink Floyd Keyboarder Richard Wright zu hören. „Brightening In The West“ könnte Motorpsychos „Phanerothyme“ entsprungen sein und hat deutlich die US-Westküste vor Augen. „Little Monsters“ funktioniert als mehrteilige Folk-Suite mit orientalischem Einschlag ebenfalls großartig. Die Gitarrenarbeit erinnern nicht nur hier an Richard Thompson.

Trotz aller Referenzen an eine längt vergangene Musikepoche gelingt The Fernweh hier ein famoses Debut mit genügend Eigenständigkeit und faszinierendem mehrstimmigen Leadgesang. „Fernweh“ ist übrigens eines der wenigen deutschen Wörter, für die es im Englischen kein adäquates Pendant gibt und was deshalb dort auch im alltäglichen Sprachgebrauch Verwendung findet. Es bleibt abschließend wirklich zu hoffen, dass die Band in 2019 auch live den Weg nach Deutschland finden wird.

Bewertung: 5 von 6
VÖ: 07.12.2018
Label: Skeleton Key
Web: www.bucksmusicgroup.com/artist/the-fernweh/
Format: Vinyl / CD / Download

1 The Liar
2 Next Time Around
3 Timepiece
4 Brightening In The West
5 Hand Me Down
6 Dressing Up Box
7 Is This Man Bothering You?
8 Winterlude
9 Leaf Didn’t Blue
10 Where Did The Sea Go?
11 One Hundred Flowers Bloom
12 New Brighton Sigh
13 Little Monsters
14 Afternoon Nap

Sascha Kilian
Sascha Kilian

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