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THE ROLLING STONES – Blue & Lonesome

3 Dezember 2016 No Comment
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stonesblueandlonesome

Das, was manchmal als eine verdammt gute Idee erscheint, muss sich nicht immer auch als eine solche erweisen. Dass THE ROLLING STONES 11 Jahre nach ihrem letzten Studioalbum mit einem Album aufwarten, das ausschließlich alte Chicago-Bluessongs von Helden wie Howlin‘ Wolf, Willie Dixon, Little Walter oder Jimmy Reed enthält, klingt zwar erst mal nach genau dem Ansatz, der auf dem Papier perfekt klingt. Stellte man aber eine Compilation der Bluesnummern, die die Stones in den vergangenen vierzig Jahren veröffentlicht haben zusammen, würde daraus eine durchaus unausgegorene Auswahl entstehen, die als Albumkonzept nur bedingt tragen würde.

Hätte man ein solches Projekt geplant, wäre vieles anders gelaufen. Oder es wäre eben nicht passiert. Selbst ein Keith Richards antwortete vor zwanzig Jahren noch auf die Frage, ob es nicht eine gute Idee wäre, wenn die Stones mal ein echtes Bluesalbum veröffentlichen würden mit einem eher ausweichenden Argument, dass der Blues doch sowieso schon in jedem Stonesalbum als elementare Zutat enthalten sei und er von daher nicht sonderlich von der Idee überzeugt sei. Mick Jagger hätte auf so einen Vorschlag wahrscheinlich die Augen gerollt, die Augenbrauen hochgezogen und in unnachahmlicher Manier „Oh, really?“ geantwortet.

Dass es trotzdem passiert ist, und dass das Ergebnis sogar fantastisch klingt, ist einer Verkettung von Zufällen geschuldet. Man befand sich im Stadium des Warmspielens für die Aufnahmen von neuen, eigenen Songs und angeblich hatte Keith Richards im Vorfeld alle Stones bis auf Mick auf den Song „Blue & Lonesome“ eingeschworen mit der Idee, aus Mick eine spontane Performance heraus zu kitzeln. Ob es sich wirklich genauso zugetragen hat, bleibt dahin gestellt, aber Tatsache ist, dass Mick äußerst inspiriert reagiert hat und somit eine Eigendynamik in Gang gesetzt wurde, die am Ende ohne dass es vorher geplant war, zu diesem Album geführt hat.

Es gibt zwei wesentliche Faktoren, die diese Platte so klingen lässt wie als hätte man die Kapelle nach „Out Of Our Heads“ (1965) einfach 50 Jahre pausieren lassen und dann wieder ins Studio gestellt: Zum einen merkt man den Tracks von „Blue & Lonesome“ an, dass sie eingespielt worden sind und nicht produziert. Beide Begriffe werden oft synonym verwendet, aber beinhalten einen völlig anderen Kern. Hört man diese Platte an und führt sich vor Augen, dass sie komplett in drei Tagen aufgenommen wurde, wird deutlich, dass die vielen Monate vor zwanzig Jahren als sie erstmals mit Produzent Don Was, der auch hier wieder beteiligt ist, zusammen arbeiteten um „Voodoo Lounge“ wie ein klassisches Stonesalbum klingen zu lassen, der falsche Ansatz waren.

Der andere Aspekt, der einen wesentlichen Unterschied macht, ist das völlige Fehlen von Backing Vocals und auch Gesangsdopplungen von Jagger selbst. Seine Stimme kommt pur und klar in den Track und er klingt verdammt großartig. Wo man gerade schon von seinem Gesang schwärmt, sollte sein Mundharmonikaspiel nicht unerwähnt bleiben. Keith Richards schwärmt ja schon seit Jahr und Tag von seinen instrumentalen Fähigkeiten an der Harp und brachte es jetzt noch mal auf den Punkt in dem er anmerkte, dass alle, die so spielen konnten wie Jagger bereits tot wären.

Natürlich ist nicht alles überragend auf „Blue & Lonesome“. Aber es gibt trotzdem keinen schwachen Moment. Und natürlich hört man der Band an, dass sie keine jungen Männer mehr sind. Die Verve, die sie vor 50 Jahren in ihre Bluesinterpretationen gelegt haben und dann 6 Jahre später in einem Keller in Südfrankreich noch einmal reaktivieren konnten, ist einem anderen Feeling für die Musik gewichen. Anders als Rock und Pop ist Blues jedoch nie primär ein Werk von jungen Leuten gewesen – es bedurfte schon immer einer gewissen Lebensreife um diese Musik so zu interpretieren, dass sie Tiefe bekommt. Wie die Stones jetzt einem Track wie „All Of Your Love“ eine Schwere verleihen und denn noch dabei swingen, ist schlicht und einfach meisterhaft. Andere Höhepunkte sind das als Leadtrack bereits veröffentlichte „Just Your Fool“, der Titeltrack und das jetzt auch mit einem Video beworbene und als 10″-Single erschienene „Ride ‚Em On Down“. Und auch die beiden Tracks, die Eric Clapton als Gast an Bord haben, können sich absolut sehen lassen. Old Slowhand fügt sich in das Spiel der Stones wunderbar ein, drängt sich nicht auf, aber hinterlässt durchaus seinen Fußabdruck. Bei „Everybody Knows About My Good Thing“ spielt er Slide und auf dem finalen „I Can’t Quit You Baby“ hört man auch den Unterschied, ob es junge Männer sind, die sich der Nummer annehmen (siehe Led Zeppelin), oder alte Männer. Beides hat seine Reize, aber auch hier geben die Stones eine erstklassige Figur ab.

Es ist das erste Stonesalbum, das ausschließlich auf Coverversionen basiert. Insofern bildet die Platte schon einmal eine Ausnahme in ihrem Oeuvre. Noch dazu kommt, dass sie selbst für ihre Debüt-LP mehr Tage (nämlich 5!) für die Aufnahmen benötigten. Nimmt man jetzt noch hinzu, dass die Songs, die sie 1964 einspielten, schon auf etlichen Konzerten gefestigt worden und das Material auf „Blue & Lonesome“ beinahe auf Zuruf bestimmt wurde, kommt man nicht ohnehin festzustellen, dass dies vielleicht die erstaunlichste Platte ist, die die Band je eingespielt hat. Man hätte das, wie eingangs erwähnt, nicht planen können, aber es ist wunderbar, dass es so passiert ist.

Bewertung: 6 von 6
VÖ: 02.12.2016
www.rollingstones.com

Tracklist:

A1. „Just Your Fool“ (Im Original von Little Walter, 1960)
A2. „Commit A Crime“ (Im Original von Howlin’ Wolf – Chester Burnett, 1966)
A3. „Blue And Lonesome“ (Im Original von Little Walter, 1959)

B1.  „All Of Your Love“ (Im Original von Magic Sam – Samuel Maghett, 1967)
B2.  „I Gotta Go“ (Im Original von Little Walter, 1955)
B3.  „Everybody Knows About My Good Thing“ (Im Original von Little Johnny Taylor, geschrieben von Miles Grayson & Lermon Horton, 1971)

C1. „Ride ‘Em On Down“ (Im Original von Eddie Taylor, 1955)
C2.  „Hate To See You Go“ (Im Original von Little Walter, 1955)
C3.  „Hoo Doo Blues“ (Im Original von Lightnin’ Slim, geschrieben von Otis Hicks & Jerry West, 1958)

D1.  „Little Rain“ (Im Original von Jimmy Reed, geschrieben von Ewart G. Abner Jr. & Jimmy Reed, 1957)
D2. „Just Like I Treat You“ (Im Original von Howlin’ Wolf, geschrieben von Willie Dixon, 1961)
D3.  „I Can’t Quit You Baby“ (Im Original von Otis Rush, geschrieben von Willie Dixon, 1956)

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