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THE WHO – Live In Hyde Park

22 November 2015 No Comment
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THE WHO - Live In Hyde Park

Was für ein Abend um 50 Jahre „The Oooo“ zu feiern. Einen Katzensprung entfernt von Shepherd’s Bush entfernt, wo sie ihre Wurzeln haben, im legendären Hyde Park, spielen sie auf der gleichen Bühne, auf der zwei Jahre davor die Stones schon in ihrem 50sten Jahr feierten. Und es sind viele gekommen. „You’re a long way away, but we will reach you!“ ruft Pete Townshend zu Beginn. Früher hätte er vor das „reach“ noch ein „fucking“ eingefügt, aber diese Tage sind vorbei und es wird – so viel sei verraten ohne als Spoiler zu fungieren – auch keine Gitarre geopfert an diesem Sommerabend.

Das heißt aber nicht, dass der Abend arm an Energie ist. Ganz im Gegenteil. Townshend, der in den letzten Jahren auf THE WHO Live-Videos oft wie ein grummeliger Renter wirkte, der lieber auf seiner Segelyacht als auf der Bühne mit den Who wäre, ist gut aufgelegt, kommuniziert mit dem Publikum und scheint den Moment tatsächlich zu genießen. Seine Gitarre klingt großartig, nach all den Jahrzehnten hat er jetzt einen Sound gefunden, der den Songs aller Epochen der Band gerecht wird. Dass er, auch wenn sein Act nicht mehr so wild und übermütig ist wie früher, an der Gitarre immer noch gut in Form ist, überrascht nicht. Anders als beispielsweise bei Keith Richards hat das Seniorenalter noch nicht seine Spuren in der Fingerfertigkeit hinterlassen.

Wo wir gerade erneut die Stones beim Wickel haben: Im Vergleich zu Mick Jagger sieht Roger Daltrey alt aus. Aber das sieht jeder Frontmann aus dem Ü-60-Club – Roger’s Performance an diesem Abend ist völlig in Ordnung. Dass ihm die obere Oktave nicht mehr zur Verfügung steht und er deshalb manche Passagen tiefer singen muss, ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Fast alle Songs an diesem Abend kommen überzeugend, nur bei „Join Together“ haut es nicht richtig hin. Auch Pete’s Gesang, der in den letzten Jahren auch gewaltig nachgelassen hat, ist an diesem Abend völlig okay. Seine beiden Spots „I’m one“ und „Emminence Front“ geraten überzeugend. Dass auch ihm die obere Oktave abhanden gekommen ist (immerhin zwanzig Jahre nach Roger) ist allerdings nicht zu bestreiten – aber die Songs funktionieren auch in tieferen Lagen, wenn man sie mit Leidenschaft singt.

Die Band klingt gut, wenn man in ihrem Sound nicht die alten Who sucht. Die Arrangements orientieren sich eher an den Studiofassungen denn an dem Sound, den Daltrey, Townshend, Entwistle und Moon in ihren wilden Jahren auf der Bühne produzierten. Pino Palladino ist ein fantastischer Bassist, der allerdings nicht versucht mit seinem Sound einem startenden Jet des Jahres 1970 den Schneid abzukaufen, wie es Entwistle tat. Heutige Jets sind übrigens so leise, dass man sie, wenn man Entwistle mit seiner 1970er Lautstärke an die Startbahn platzieren würde, kaum hören würde. Und Zak Starkey spielt auch nicht mehr so wild wie noch vor 15 Jahren bei THE WHO als er unter Beweis stellen wollte, dass er den kompletten Keith Moon drauf hat, aber trotzdem den Takt halten kann.

Dazu kommen noch drei Keyboarder und Pete’s Bruder Simon, der schon seit über einem Jahrzehnt dafür sorgt, dass die mehrstimmigen Studiogitarrenarrangements von Pete auch live angemessen reproduziert werden. Es ist nicht „Who on ice“, wie man die opulente 1989er Tour nannte, als noch mehr Personen als jetzt unter dem Namen „The Who“ auf der Bühne standen. Es ist eine Band, der es gelingt Perlen wie „Pictures Of Lily“ oder „I Can See For Miles“ noch mal fast 50 Jahre nach Erscheinen endlich mal gut auf die Bühne zu bringen. Auch die Backingvocals werden durch die zusätzlichen Musiker aufgewertet. Und die Klassiker, die sowieso immer im Liveset auftauchen, klingen gut, manchmal wie im Falle von „You Better You Bet“ sogar besser als je zuvor. Warum der zweite Song des Abends („The Seeker“) allerdings aus dem Konzertfilm herausgeschnitten und als Bonustrack separat angehängt wurde, bleibt jedoch ein Rätsel. Erstens ist die Version gut und zweitens ist sie auf der CD auch ganz regulär enthalten. Die zwischendurch eingespielten Interviews mit den Musikern und auch Gästen wie Johnny Marr, Paul Weller oder Iggy Pop fügen sich gut in den Film ein und stören den Flow nicht.

Machen wir uns nichts vor: Pete und Rog sind alte Männer und singen immer noch „Hope I die before I get old“. Wer sich daran stört, wird auch an diesem Livedokument THE WHO Live In Hyde Park keine Freude haben. Wer, wie Paul Weller zwischendurch im Film sagt, ihnen abnimmt, dass sie immer noch an das glauben, was sie singen, kann durchaus Gefallen an The Who – 50 Jahre nachdem sie als High Numbers die Londoner Modszene rockten – finden. „This is the beginning of a long goodbye“ nannte Roger diese Konzerte. Für den Februar haben sie noch mal einen Gig in Wembley angekündigt und danach wollen sie noch mal eine USA-Tour machen. Aber dass 2016 Schluss sein soll, hat Pete eigentlich sehr deutlich heraus gestellt. Wenn das ihr letztes Livedokument bleibt, kann man sagen, dass sie es mit Würde zu Ende gebracht haben. Was kein geringer Verdienst ist.

THE WHO – Live In Hyde Park

Bewertung: 4 von 6
VÖ: 20.11.2015
eagle-rock.com
thewho.com

Tracklist:

  1.     I Can’t Explain
  2.     Who Are You
  3.     The Kids Are Alright
  4.     Pictures Of Lily
  5.     I Can See For Miles
  6.     My Generation
  7.     Behind Blue Eyes
  8.     Bargain
  9.     Join Together
  10.     You Better You Bet
  11.     I’m One
  12.     Love Reign O’er Me
  13.     Eminence Front
  14.     Amazing Journey/Overture/Sparks
  15.     Pinball Wizard
  16.     See Me, Feel Me/Listening To You
  17.     Baba O’Riley
  18.     Won’t Get Fooled Again
    Bonustracks:
  19.     The Seeker
  20.     The Kids Are Alright
  21.     You Better You Bet
  22.     Squeeze Box

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