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THE WHO – WHO

28 November 2019 No Comment
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Man kann sich bei einer Band, die vor vier Jahren ihr 50. Jubiläum gefeiert hat, kaum vorstellen, dass „WHO“ erst ihr 12. reguläres Studioalbum ist. Für die ersten 10 brauchten sie einen Zeitraum von 17 Jahren, in den Jahren seit 1982 haben sie genau ein Album zustande gebracht, das 2006 erschienene „Endless Wire“. Und auf dieser 13 Jahre alten Platte klangen sie so alt, wie sie jetzt in etwa sind. Oder älter gar noch. Mit „Be Lucky“ hauten sie vor 4 Jahren noch mal einen durchaus netten neuen Song für eine Best-of raus, aber die Erwartungen an ein neues Who-Album waren nicht gerade hoch.

Die Zusammenarbeit mit Wilko Johnson hat bei Roger Daltrey etwas ausgelöst. Viel kraftvoller als auf Endless Wire klang auf dem gemeinsamen Album seine Stimme und auch Pete Townshend stellte fest, dass sein alter Partner mit Wilkos Songs viel besser klang als mit den schwierigen, vertrackten Kompositionen auf dem 2006er Album. Und dann setzte Rog mit seinem Soloalbum „As Long As I Have You“ nach und da sprang auch Pete ins Boot und spielte auf etlichen Tracks Gitarre und deutete an, dass da vielleicht noch was geht mit den beiden.

Also schrieb Pete mal wieder kompakte Rocksongs, teilweise gar wütend, wie das bereits auf seiner letzten Solo-Compilation veröffentlichte „Ball & Chain“. „Who gives a fuck?“ sagt er am Ende von dem vorab veröffentlichten Opener „All This Music Must Fade“ an die Kritiker gerichtet. „I Don’t Wanna Get Wise“ erschien ebenfalls als Teaser vor der Veröffentlichung und natürlich denkt man da an „Hope I die before I get old“ – auch dies ist eine starke Nummer, die an „Face Dances“ von 1981 erinnert.

„Detour“ hat was von dem Bo Diddley-Beat von „Magic Bus“ und hier klingt der Bass auch kraftvoll und lässt an den 2002 verstorbenen John Entwistle erinnern. Der erste ruhigere Moment der Platte ist der von Pete’s spirituellem Mentor beeinflusste Song „Beads On One String“ mit der tollen Zeile „I don’t care how you name Him, He’s always the same. I just know that we shame Him when we kill in His name“. Hier spielen auch erstmals orchestrale Arrangements eine Rolle und erinnern an Momente wie „Love Is Coming Down“ von „Who Are You“.

Dann geht es wieder kraftvoll zu. „Hero Ground Zero“ ist ein Songtitel, bei dem man erst mal skeptisch die Augenbraue heben möchte. Es ist aber halb so schlimm und die Musik sogar stark. Hier verbinden sich Orchester und Rockband auf überzeugende Weise wie es Townshend bereits bei dem Soundtrack von „Quadrophenia“ gelungen war. Der hymnische „Street Song“ zeigt noch einmal in welch hervorragender Verfassung Roger Daltrey bei den Aufnahmen zu dem Album war. Anders als bei dem Vorgänger hat Pete Townshend auf „WHO“ nur einen Song, bei dem er die Leadvocals übernimmt. „I’ll Be Back“ beginnt mit einer Mundharmonika im Stile Stevie Wonders und ist wunderbar zärtlich und sehr schön gesungen. So hat man ihn seit 25 Jahren auf Platte nicht mehr gehört. Er kann es noch!

„Break The News“ ist aus der Feder von Pete’s Bruder Simon, der seit 1996 immer wieder Teil der Band war und klingt wie ein folkiger Ocean Colour Scene-Song. Nichts was man bislang von The Who gehört hat, aber sehr stimmig. Den Abschluss des regulären Albums bilden zwei Songs mit dem Wortstamm „rock“ im Titel. „Rocking In Rage“ erinnert von der Komposition etwas an „Amazing Journey“ von „Tommy“ und stellt das Rocken im fortgeschrittenen Alter in einen stimmigen Kontext. „She Rocked My World“ ist mit seinem kubanischen Rumba-Feeling der Fremdkörper im Album, es ist der einzige Song, von dem man sich irgendwie nicht vorstellen kann, dass The Who ihn jemals live spielen würden, aber es ist ein guter Song und vielleicht war es auch die richtige Entscheidung ihn stilistisch so anzugehen.

„WHO“ ist eine große Überraschung. Pete Townshend und Roger Daltrey noch einmal in solch überzeugender Form, zusammen mit tollen Songs und einer starken Produktion erleben zu können, ist ein Fest für Fans. Und Pete hat in Interviews bereits angekündigt, dass er sich gut vorstellen könnte, dass das nicht ihr letztes Album war. Long Live Rock!

Wertung: 5 von 6

Label: Universal / Polydor

VÖ: 06.12.2019

thewho.com

Tracklist:

  1. „All This Music Must Fade“
  2. „Ball & Chain“
  3. „I Don’t Wanna Get Wise“
  4. „Detour“
  5. „Beads On One String“
  6. „Hero Ground Zero“
  7. „Street Song“
  8. „I’ll Be Back“
  9. „Break The News“
  10. „Rocking In Rage“
  11. „She Rocked My World“
Jan Woelfer

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