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TOM LIWA – Ganz normale Songs

12 April 2018 No Comment
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„Ganz normale Songs“ ist das 25. Album von Tom Liwa und glaubt man dem umfangreichen Waschzettel der Plattenfirma, der von keinem geringeren als Christoph Schreuf selbst verfasst wurde, handelt es sich bei dieser Platte um „Tom Liwas wundervoll zarte Umarmung der Zeit von seiner Geburt bis heute, sowohl des Lebens, wie er es geführt hat als auch des Lebens, wie es ihn geführt hat.“

Ein Konzeptalbum des 56-Jährigen Duisburgers also, das den ganz großen Bogen schlagen soll. Liwa verfügte immer schon über diese warme Ausstrahlung und Nähe, die er auch in den Konzerten seinem Publikum gegenüber vermittelt. Dabei sind seine Texte jedoch nicht jedesmal einfach zu dechiffrieren. Auch „Ganz normale Songs“ besitzt eine transzendente, ja fast schon meditative Aura in Wort und Ton, auf die man sich als Hörer in den folgenden elf Liedern Stück für Stück voll und ganz einlassen muss.

Bereits „Schuld“ reflektiert zum Einstieg mit zarten Gitarrentupfern und sachter Schlagzeugbegleitung dramatische Jugendereignisse. Von „dem Monster mein Herz geschenkt“ und der „Heiligen Familie“ ist die Rede sowie „300 Ampullen des Serums“ zur Heilung des Sohnes. Bereits in der Kindheit wollte man der Andersartigkeit des Jungen gegensteuern. Harter Tobak!

„Meistens“ baut mit Trompete, Frauenchor sowie reduziert-dramatischem Westernblues Spannung auf und „Meistens war geil“ als kurzes Resümee für die Betätigungen „Zuhause, auf der Arbeit und in der Freizeit“ wirkt natürlich lakonisch.
Bei „Ego“ wird es erstmals flotter und die geschrammelte E-Gitarre zum schlichten Upbeat-Schlagzeug sorgt für Optimismus. Liwa zeigt sich verliebt und versöhnlich im Refrain „Eine Liebe – ein Ego“.

„Dope“ ist musiklisch eine sehr feine Homage an Joni Mitchell zu deren „Court & Spark“ Hochphase und man spürt hier den Einfluss von Tobias Levin (u.a. Blumfeld) als Produzenten. „Ich will nicht sterben und nicht erwachsen werden“ als Message hat sehr viel Bedeutung und Tiefe und verneigt sich vor dem ewigen Kind in Tom Liwa. „Witz“ birgt unterschwellig einen Classic-Rock Groove und ist, wie alle der elf Titel, auch wieder „ganz normal“ mit einem einzelnen Begriff betitelt. Bei „Leute“ in der Mitte der Platte erinnert sich Liwa zu sphärischen Grooves, Streicher und Mundharmonika an „meine Leute von der anderen Seite des Himmels“.

Bereits hier stellt man nach einigen Durchläufen fest, dass die Platte den willigen Hörer wie einen Strudel in seinen Bann zieht – langsam aber konsequent und beharrlich. Die hypnotischen Beats und das verschleppte Tempo gepaart mit Liwas mal klarem, mal verhalltem Gesang erzeugen förmlich einen Sog.

Dies gipfelt bei „Yoga“ darin, dass der Flowerpornoes Sänger zur monotonen Bassdrum und brummenden fernöstlichen Klängen im Tonfall von Ureinwohnern zu einem höheren Bewusstsein zu gelangen scheint. Ein mutiges Stück und mit der Konsequenz im U-Musikbereich letztmalig gefühlt wohl von der Incredible String Band praktiziert.

„Feuer“ nimmt dann wieder Fahrt auf und gerät in bester Ronnie Lane & Slim Chance Manier zur Western-Hobo-Mitsinghymne. Ein wunderbar altmodisches Stück bei dem „Mama und Papa“ nicht da sind und die Gesangsmelodien gen Ende trotzdem sehr viel Wärme ausstrahlen.

„Ok“ ist eine weitere, ruhige Bestandsaufnahme einer Beziehung und bei „Unisex“ weiß Liwa augenzwinkernd Bescheid über „Unisex Boys And Girls With Gender“ und lässt die Indiegitarre knurren.

„UFO“ schließt den Kreis dieser außergewöhnlichen Platte, die in kleiner Besetzung eingespielt wurde, und skizziert auf Liwas ureigene Art und Weise, die Begegnung zweier alter Jugendfreunde in der Notapotheke einer Shopping-Mall. Der säuselnde Frauenchor bei den Zeilen „Die Zeit der Freaks ist vorbei“ und der freundlich hüpfende Bass zu „Ich bin ein UFO“ stellt dabei nochmals heraus, dass auch Entfremdung Vorteile haben kann und immer auch eine Chance darstellt.

Eine großartige, ruhige Platte, zum Zuhören und Reflektieren!

Bewertung: 4,5 von 6
VÖ: 13.04.2018
www.tomliwa.de
Label: Grand Hotel van Cleef
Format: CD/LP/Digital

Tracklist:
1. Schuld
2. Meistens
3. Ego
4. Dope
5. Witz
6. Leute
7. Yoga
8. Feuer
9. OK
10. Unisex
11. UFO

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