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TON STEINE SCHERBEN – 19.01.2015, Frankfurt, Batschkapp

19 Februar 2015 No Comment
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Zum ersten Mal sah ich RPS Lanrue 1987 in der Begleitband von Rio Reiser, der im Rahmen der „Blinden Passagier“-Tournee halt in der Stadt machte, die für ihn eine besondere Bedeutung hatte. Frankfurt am Main. Zum einen war er als Jugendlicher öfters von Nieder-Roden im Rodgau in die Großstadt Frankfurt gefahren,  flog 1967 zur Aufführung der ersten Beat-Oper der Welt von Frankfurt nach West-Berlin und seine spätere Major-Plattenfirma hatte hier ihre Büros in der Bleichstrasse. Damals wusste ich wenig über den Gitarristen mit dem Hut und dachte, dass er wie die anderen Mitglieder der Band Studiomusiker war.

Cut – 2015 – Ton Steine Scherben wieder in Frankfurt – in einem idealen Leben würden sie wieder zu ihrer Hochzeit 1983 in der Offenbacher Stadthalle spielen, wie ein beeindruckende Live-DVD zeigt, oder passenderweise in einem besetzten Haus wie die „Au“ in Frankfurt-Rödelheim. 2015 ist es nicht wie noch 4 Jahre vorher die Ton Steine Scherben Family, sondern Ton Steine Scherben. Hier liegt die Meßlatte höher und auf einer kleinen Deutschlandtour spielt eine Besetzung, die mit der TSS Family lediglich zwei übereinstimmungen hat: Urbassist Kai Sichtermann und Schlagzeuger Funky K. Götzner (ex-Missus Beastly + Sameti).  Schön, dass letzter nach seinem Herzinfakt dabei sein kann.

Wieder mit dabei ist auch besagter Gitarrist RPS Lanrue, der zusammen mit Rio Reiser die Band gründete und die Songs schrieb. Allein dies ist für viele Konzertbesucher ein Grund die Band live sehen zu wollen. Er kreiert mit seiner psychedelischen Acid-Gitarre seinen eigenen Stil, der viele Scherben-Songs prägte. Die übrigen neuen Scherben sind in der Regel jung und finden unter der Leitung von RPS Lanrue nach anfänglichen Startschwierigkeiten und zeitweiligen Aussetzern zu alter Klasse zurück, die auf den Songs von Rio Reiser und RPS Lanrue basiert. Die Ding Ding Dang Dang Tour ist Generation-Clash pur.

Den Gesang und den undankbaren Job des Sängers übernimmt Nico Rovera mit jugendlichem Sturm und Drang während Ella Josephine Ebsen einige Lieder singen darf und dabei Klassiker wie „Jenseits von Eden“ en passant in den Sand setzt.

Neu dabei als Sängerin und Percussionistin ist auch Elfie-Esther Steitz-Praeker, Schwester von RPS Lanrue und Witwe des ehem. Spliff / Nina-Hagen-Band Bassisten und Nena-Produzenten Manne Praker, der leider 2012 verstarb.

Als ehemalige Gitarristin von Carambolage, Deutschlands erster Frauenband aus dem Scherben-Umfeld, die ebenfalls auf David Volksmund veröffentlichte, macht sie optisch wie gesanglich eine gute Figur und bringt genügend Anarchopower rüber auf die Rio stolz gewesen wäre.

Die neue Batschkapp im Industriegebiet Fechenheim Nähe Borsig-Allee ist gut gefüllt und viele alte Fans haben den Weg hierher gefunden, die entweder Bandmitglieder persönlich kennen oder bereits in den Siebzigern / Achtzigern live gesehen haben. Die Location hat nicht den Charme der alten Batschkapp an der S-Bahn-Station „Frankfurt-Eschersheim“. Hightech regiert. Statt einer alten Holzbühne gibt es eine Bühne mit Absperrgittern (!). Dies lässt anfänglich den Kontakt zwischen Band und Publikum erschwert anlaufen – Rovera hat nicht die Entertainer-Qualitäten wie ein Rio Reiser oder ein Marius del Mestre und leitet die Lieder auch nicht mit Ansagen an. Lediglich Lanrue übernimmt die ehrenvolle Aufgabe die Band vorzustellen. In guter alter Manier wird das „Rauch-Haus-Lied“ als Zugabe wie einst 1983 im Chor gesungen.

Leider ist das Konzert danach vorbei aber eins ist sicher: Die Lieder, die Rio Reiser und RPS Lanrue zwischen 1969 und 1984 geschrieben haben, sind zeitlose Deutschrock-Klassiker, die es wert sind gespielt zu werden – wer sie singt, ist letztlich nebensächlich, denn einen Rio Reiser kann es nicht geben. Ihre Texte und Melodien sind es, die es aufgrund ihrer textlichen wie musikalischen Qualität verdient haben auch im Jahr 2015 gehört zu werden. Herausragend sind auch die Arrangements, die Lanrue den Songs verpasst, die vor allem Wert auf die filigranen liebevollen Details setzen.

Ein neues Album ist nicht in Sicht daher sind die Songs und die alten Scheiben das einzige was uns bleibt. Rio schaut runter von seiner Wolke und wäre an diesem Abend stolz gewesen.

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