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TURBOSTAAT – Abalonia

26 Januar 2016 No Comment
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Turbostaat - AbaloniaTURBOSTAAT feilen auch im siebzehnten Jahr ihres Bestehens an der eigenen Unverwechselbarkeit. Ihre neue Platte ist ein ambitioniertes Konzeptalbum, das endgültig die Schubladen sprengt, in die sie schon lange nicht mehr passen. Rhythmischer, vertrackter und dabei eingängiger denn je arbeiten sie auf „Abalonia“ ihr eigenes Genre heraus.

Erzählt wird auf „Abalonia“ die Geschichte einer Flucht („…alles ist besser als der Tod…“) und die abenteuerliche Reise einer Frau Semona, die eine bessere Zukunft sucht und den Sehnsuchtsort Abalonia. Das passt in die Zeit und unterstreicht den Anspruch von TURBOSTAAT, eine politische Band zu sein. Zum anderen ist es angesichts der bild- und sprachgewaltigen Geschichten, die sie schon immer in ihren Songs erzählt haben, nur konsequent, dass sie eine solche Gesichte nun einmal über ganzes Album spinnen.

Die Texte spielen dabei mit den von TURBOSTAAT bekannten Bilden von Schlachten, Eisenmännern, Henkern und dem Tod und stellen dabei immer wieder Brücken zur Gegenwart her. Wie schon beim Vorgänger „Stadt der Angst“ (hier geht es zur Rezension) oder dem 2010er-Album „Das Island Manöver“ (hier geht es zur Rezension) gelingt es Turbostaat, mystisch und politisch gleichermaßen zu sein und mit Fantasiebildern aus der Vergangenheit die Probleme der Gegenwart zu besprechen.

Musikalisch hingegen hört sich die TURBOSTAATsche Gegenwart wie eine Reise in die Zukunft mit der Vergangenheit in der Tasche an. Der Punkrock ist TURBOSTAAT ja schon seit Längerem zu klein, weiter hinaus aus dem Genre wie auf „Abalonia“ ging es aber noch nie. TURBOSTAAT gewinnen ihrem Sound weitere neue Facetten ab und tragen ihren düsteren Punkrock noch einmal etwas reifer und gedrosselter vor. Ruhige Passagen dominieren ganze Songs und einen Großteil der Platte, die Band fokussiert sich auf Details und die sollen nicht im Punk verloren gehen, sondern brauchen Zeit und Ruhe, um sich zu entfalten. Mehr denn je lohnt es sich, TURBOSTAAT laut und in guter Qualität zu hören.

Angesichts der Vielfalt der Stilmittel, die zum Einsatz kommen, und dem teilweise dramatischen Gestus der Musik, kann man das Ganze auch durchaus als kleine Rockoper begreifen, die im Gesamten mehr Sinn macht als im Einzelnen. „Abalonia“ löst das Versprechen eines Konzeptalbums ein, wobei natürlich auch die Songs für sich zu überzeugen wissen.

Bei diesen finden TURBOSTAAT eine gute Balance aus ihren alten Stärken und neuen Tugenden. Neben eher klassischem TURBOSTAAT-Liedgut wir „Ruperts Gruen“ oder „Abalonia“ stehen Songs wie das epische „Wolter“ oder das großartige „Der Wels“. Einen solchen Song hat man von TURBOSTAAT noch nicht gehört. Da werden Grenzen gesprengt, mit Tempo und Lautstärke gespielt und eine Dynamik erzeugt, die einen staunend zurücklässt. Zu den alten Stärken gehört natürlich auch der raue „Sprechgesang“ von Jan Windmeier, der stellenweise noch einmal etwas klarer und variabler ist. Einen Song wie „Der Zeuge“ hätte man ihm vor zehn Jahren auf jeden Fall noch nicht zugetraut.

Dabei muss man als langjähriger Begleiter der Punkband TURBOSTAAT auch nicht alles gut finden, was sie auf „Abalonia“ anbieten. Ein Song zum Beispiel wie „Eisenmann“ wird sicher polarisieren, von wegen ist das Kunst oder kann das… Entscheidend wird da auch sein, was sie live draus machen. Ihren Status haben TURBOSTAAT ja auch durch ihre Präsenz auf der Bühne gewonnen. Welche Balance sie da zukünftig finden werden, bleibt eine spannende Frage. Live könnte der sphärische und dahin mäandernde „Eisenmann“ durchaus für Gänsehaut sorgen.

Dass alles beweist einmal mehr, was eigentlich immer schon klar war: TURBOSTAAT haben Talent und Ambitionen im Überfluss und bleiben nicht stehen. Sie  erzählen nicht nur vom auf der Flucht und der Suche sein, sondern sind es auch irgendwie selbst. Vielleicht sind sie auf der Flucht vor den Erwartungen derer, die am liebsten „Husum verdammt“ schreien, vielleicht auch vor der Enge der eigenen musikalischen Ursprünge. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie Suchende sind. Und dass da eine Band ergebnisoffen und neugierig ihren ganz eigenen Weg geht. TURBOSTAAT haben mit „Abalonia“ endgültig ihr eigenes Genre geschaffen und der TURBOSTAAT ist und bleibt eine Insel.

Bewertung: 5 von 6
Vö: 29.01.2016
Label: PIAS
Format: LP / CD / digital

Mehr Infos:
www.turbostaat.de
www.facebook.com/turbostaat
www.twitter.com/turbostaat

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