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UDO LINDENBERG – Stärker als die Zeit

6 Mai 2016 No Comment
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cover

Die Sonnenbrille, ohne die er sich in den letzten Jahrzehnten so gut wie nie ablichten ließ, ist weg. UDO LINDENBERG blickt dem Betrachter des Covers seiner neuen Platte „Stärker als die Zeit“ direkt in die Augen. Ein intensiver, wacher Blick und eine klare Botschaft: Das Visier ist gefallen, hier wird sich nicht mehr versteckt. Und genau diese Botschaft zieht sich auch durch die Texte des Albums. Bis auf wenige Ausnahmen handeln die Songs nur von Udo selbst. Variationen beschränken sich auf die Perspektive, ob er in der ersten oder dritten Person von sich singt. Aber er kann es sich leisten, denn er feiert in diesem Mai seinen 70. Geburtstag und wird allerorten als coole Ikone, die die Kurve gekriegt hat und jetzt noch einmal die reiche Ernte einfährt, verehrt.

Und richtig, es gibt auch einiges zu feiern – vor allem aber seine kreative Rückkehr, die bereits mit dem 2008er Album „Stark wie Zwei“ begonnen hatte. Dazwischen lag MTV unplugged und Touren, die auch für dieses Urgestein des Deutschrocks noch neue Maßstäbe setzten. Für sein neues Album holt er sich anders als auf dem Vorgänger auch keine bekannten Duettpartner mehr, sondern vertraut auf die eigene Stärke, die jetzt nicht nur für Zwei reicht, sondern gar die Zeit bezwingt. Und das passt in zweierlei Hinsicht: Zum einen klingt die Stimme alles andere als alt – die Phrasierungen, die seinen Gesang immer ausgemacht haben, kommen noch immer geschmeidig daher – das klang vor 25 Jahren schon mal wesentlich bemühter. Und zum anderen ist die Kunstfigur Udo Lindenberg mittlerweile im positiven Sinne zeitlos geworden. Damals in den siebziger und frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts prägte er durchaus den Zeitgeist beziehungsweise sprach eine Sprache, die ihn mit der Jugend verband. Heute spricht kein Mensch mehr so und doch ist es ihm gelungen nicht mehr peinlich oder gestrig zu wirken, er ist wirklich zu dem Außerirdischen geworden, zu einem Charakter der in seiner eigenen Welt lebt und uns allen von dort aus den Spiegel vorhält.

Musikalisch gibt es an der Platte oberflächlich auch nichts auszusetzen, die Produktion ist stimmig und auch hier hat man nicht versucht zeitgeistig zu klingen, sondern den Songs einen Sound zu verpassen, der Classic-Rock-Fans aller Altersstufen zusagt. Die Kompositionen bieten wenig Überraschungen, die Harmoniewechsel sind so vorhersehbar wie die Meisterschaften des FC Bayern. Aber das passt trotzdem alles soweit recht gut zusammen. Ein Meisterstück wie „Was hat die Zeit mit uns gemacht“ vom Vorgängeralbum, ist nicht dabei und einige Nummern bzw. Wortspiele sind einfach unglaublich flach, aber auch das gehört zu Udo Lindenberg – dass er sich nicht mehr ändern wird, singt er ja auch in „Plan B“ und das ist auch gut so. Wir wissen, was wir an ihm haben, genießen wir es – und wenn uns das eine oder andere an ihm nicht gefällt, schauen wir einfach ganz locker vom Hocker darüber hinweg und schlürfen lieber noch’n Eierlikör. Dub’n dubi dubi duu!

Bewertung: 4 von 6
VÖ: 29. April 2016
Künstler: udo-lindenberg.de
Label: warnermusic.de

Tracklist:

  1. Durch die schweren Zeiten
  2. Plan B
  3. Einer muss den Job ja machen
  4. Eldorado
  5. Göttin sei Dank
  6. Der einsamste Moment
  7. Blaues Auge
  8. Mein Body und ich
  9. Wenn du gehst
  10. Coole Socke
  11. Muss da durch
  12. Wenn die Nachtigall verstummt
  13. Kosmosliebe
  14. Dr. Feeelgood
  15. Stärker als die Zeit
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