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BABYLON BERLIN – Soundtrack (V.A.)

28 Dezember 2017 No Comment
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Mit 38 Mio Euro als bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion mit internationalem Anspruch ist die Verfilmung des Roman-Zyklus BABYLON BERLIN um Kommissar Gereon Rath mehr als eine Bestandsaufnahme des Berlins der zwanziger Jahre. Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries tauchen als Regisseure und Drehbuchautoren tief hinein in die gesellschaftliche Unsicherheit, den ausschweifenden vergnügungsfrohen Tanz am Abgrund, schleichende Parallel-Existenzen und nahendem Extremismus am Rande der Weimarer Republik.

CD1, des BABYLON BERLIN Original Motion Picture Soundtracks unterstreicht mit seinen instrumentalen Scores, für die sich neben Johnny Klimek auch Tom Tykwer verantwortlich zeigt, nochmals die Ausnahmestellung Berlins in den Zwanzigerjahren. Düster-bedrohliche Orchestersequenzen und Uptempo-Stücke vermitteln sehr gut die hektische Betriebsamkeit der damals boomenden Metropole, die Gier nach Ausschweifung und die dunkle Vorahnung.

Das Leipziger Radio Symphonie Orchester kollaboriert dabei mit der New Yorker Band Absolute Ensemble. Ein gelungenes Experiment mit anachronistischem Anspruch und modernen Popelementen.

Auf CD2 des BABYLON BERLIN Soundtracks wartet gleich mit dem Hit „Zu Asche, Zu Staub“ auf. Jenes Stück, das in der Serie eine zentrale Rolle spielt und im Tanztempel Moka Efti stattfindet. Im Herbst/Winter 2017 findet man kaum jemanden, dem das Stück von der Severija nicht mehr aus dem Ohr geht. Als androgynes Wesen nimmt sie in Babylon Berlin die Position ein, in der z.B. Marlene Dietrich so pionierartig die Rolle zwischen Mann und Frau verschwimmen ließ. Ein faszinierender, dunkler Popsong in gebrochenem Deutsch vorgetragen, dessen Anziehungskraft geschlechterübergreifende Sogwirkung entfacht.

Der zweite Silberling offeriert weitere Popjuwelen. So ist es z.B. fast logische Konsequenz, dass auch der larmoyante Alt-Dandy Bryan Ferry vertreten ist. Bei den sechs Stücken, welche sein „Bryan Ferry Orchester“ interpretiert, tritt der Meister bei zwei Stücken auch selbst ans Mikrofon.

Alte Soundästhetik
„Reason Or Rhyme“ swingt wunderbar entspannt in alter Soundästhetik. Die Trompete marschiert voran und Bryan Ferry entfacht seine ganze Eleganz als verführerischer Salonlöwe. Bei „Bitter Sweet“ schimmert die Dreigroschenoper durch. Der Ex-Roxy Music Sänger gibt sich verschwörerisch und versucht sich zum Teil auf Deutsch. Seinen 80s Hit „Dance Away“ in einer betörend, swingenden Instrumentalfassung zu hören jagt Liebhabern dieser Form von Musik wonnige Schauer über den Rücken. Man möchte am liebsten im schummrigen Tanztempel das Charleston-Tanzbein mitschwingen.

Es gibt zwei gesungene Delta-Blues Stücke von Guitar Crusher und Tim Fischer sorgt mit „Meine Rose“ stilecht für den Chanson-Moment. Mithin fließen Blues, Pop, russischer Schwermut, Chanson und instrumentaler Swing in den insgesamt 19 Stücken des zweiten Tonträgers wunderbar homogen zu einem explosiven Schmelztiegel, der Berlin in der damaligen Zeit war, ineinander. Die Kompositionen von Nikko Weidemann & Mario Kamien werden Orchester und Ensemble umgesetzt und vermitteln die einzigartige Atmosphäre, welche das Clubleben der Zwanzigerjahre geboten haben muss.

Prädikat: Unbedingt empfehlenswert
Der Soundtrack zur „Babylon Berlin“ lässt sich auch außerhalb des Kontextes der Serie sehr gut zuhause genießen und ermöglicht gerade mit etwas mehr Ruhe zwischen den Jahren sound- und klangtechnisch in eine sehr aufregende Zeit einzutauchen. Prädikat: Unbedingt empfehlenswert.


Bewertung: 5 von 6
VÖ: 24.11.2017
www.babylon-berlin.com
Label: BMG
Format: CD/Download

Babylon Berlin – Soundtrack (V.A.) Tracklist – Disk 1:
01. Babylon Berlin – Johnny Klimek & Tom Tykwer
02. Eine Frau in Berlin – Johnny Klimek & Tom Tykwer
03. Hetzjagd – Johnny Klimek & Tom Tykwer
04. Dunkles Babel – Johnny Klimek & Tom Tykwer
05. Nachtlied – Johnny Klimek & Tom Tykwer
06. Berliner Luft – Johnny Klimek & Tom Tykwer
07. Der Schatz der Sorokins – Johnny Klimek & Tom Tykwer
08. Fuge – Johnny Klimek & Tom Tykwer
09. Der Prangertag – Johnny Klimek & Tom Tykwer
10. Praezision – Johnny Klimek & Tom Tykwer
11. Leierkasten – Johnny Klimek & Tom Tykwer
12. Der Armenier – Johnny Klimek & Tom Tykwer
13. Space Out – Johnny Klimek & Tom Tykwer
14. Ein bisschen Traurigkeit – Johnny Klimek & Tom Tykwer
15. Zu Asche, Zu Staub (Psycho Nikoros) [Finale Season 2] – Johnny Klimek & Tom Tykwer
Disk 2:
01. Zu Asche, Zu Staub (Psycho Nikoros) – Severija
02. Dance Away – The Bryan Ferry Orchestra
03. Frenzy – Moka Efti Orchestra
04. Boeser Zwilling – Moka Efti Orchestra
05. Reason or Rhyme – The Bryan Ferry Orchestra
06. Meine Rose – Tim Fischer
07. Hollaender Mashup – Ilja Tretschkow Ensemble
08. Trudy – Martin Kraemer
09. Wannsee Weise – Moka Efti Orchestra
10. Bitters End – The Bryan Ferry Orchestra
11. Cuddle Up – Guitar Crusher
12. Nobody Knows How You Soothe Me – Guitar Crusher
13. Alphaville – The Bryan Ferry Orchestra
14. Tresor Unser – Moka Efti Orchestra
15. OTR – Moka Efti Orchestra
16. Babylon Charleston – Moka Efti Orchestra
17. Chance Meeting – Bryan Ferry
18. Szomuru Vasarnap (Gloomy Sunday) [Russian Version: Vaskresenje] – Severija
19. Bitter Sweet – The Bryan Ferry Orchestra

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