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WE INVENTED PARIS – 24.07.2016, Düsseldorf, Vier Linden Biergarten

27 Juli 2016 No Comment

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Entspannt-intime Konzerte, bei denen die Zuschauer einander nahe fühlen und die Distanz zum Künstler aufgehoben wird, sind nicht mehr die Regel. Umso wertvoller sind dann die Abende, an denen eine Band wie WE INVENTED PARIS einlädt. Das europäische Künstlerkollektiv um den Schweizer Flavian Graber versteht es, auf sympathische Art und Weise kleine Popjuwelen zu erschaffen, die in ihrer Eingängigkeit bewegen. Von großen Festivalbühnen bis hin zu winzigen Wohnzimmern hat die Band in ihrer Karriere so einige Orte bespielt. An diesem Abend sollten die vier Musiker das Publikum in Düsseldorf verzaubern. WE INVENTED PARIS traten Im Rahmen der „Sommerklänge unter den Linden“-Reihe im beschaulichen Vier Linden Biergarten auf und boten ein abwechslungsreiches Set.

Lange war es still um WE INVENTED PARIS. Das spannende Projekt hatte sich eine Auszeit gegönnt und aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Keine Konzerte wurden gespielt und auch online hatte sich die DIY-Truppe bedeckt gehalten. Freunde des klugen Smooth-Pop mit Herz und Hirn freuten sich daher Anfang des Jahres ganz besonders: WIP sind offiziell zurück und machen mit einem Mini-Teaser Lust auf neue Musik. Gleichzeitig spielt die Band momentan einige Gigs, um sich wieder ins Gedächtnis der Hörerschaft zu rufen.

Und diese Hörerschaft nimmt das Angebot gerne an! In Düsseldorf kamen 120 Gäste zusammen, um unter freiem Himmel den Klängen von WIP zu lauschen. Passend zum Sonntagabend, war die Mehrheit des bunt gemischten Publikums tiefenentspannt. Auf den Bierbänken und Holzstühlen vor der Bühne packten die ersten Gäste schon rund eine Stunde vor Beginn die Nudelsalat-Boxen aus und bestellten sich ein kaltes Bier. Im Vier Linden Biergarten darf jeder Gast sein eigenes Essen mitbringen. Oder sich beim freundlichen Kellner die Karte des nächsten Pizzalieferanten geben lassen. Und wäre dies nicht schon genügend Gemütlichkeit, stellt der Veranstalter sogar einen Grill zur Verfügung, auf dem man sich das mitgebrachte Grillgut rösten kann.

Ohne Distanz

„Entspannung“ ist das Motto heute Abend. So nimmt die Band inmitten des Publikums das vom Veranstalter selbst herbeigetragene Mahl zu sich. Vorsichtiges Beäugen zwischen Bandmitgliedern und Zuschauern. Während Graber und seine drei Mitstreiter das Brot brechen, füllt sich der quadratische Zuschauerraum mit immer mehr vorfreudigen Gästen.

Pünktlich legen WE INVENTED PARIS die Gabeln zur Seite und betreten die kleine mit Efeu berankte Bühne. Der erste Song „The Busker“ verläuft beidseitig ein wenig steif. Zwischen Bühne und Bierbänken klafft ein freier Raum. Zögerlich schauen einige junge Studentinnen auf die potentielle Tanzfläche. Mit Verklingen der letzten Töne lädt die Band nach vorne. „Mont Blanc“ ist ein Aufbruchssong. „It is time to move on..“ singt Flavian Graber. Das Lied wird energischer, immer mehr Bewegung gerät in Band und Publikum. Menschen stehen auf, nehmen ihre Liebsten an die Hand und grinsende Gesichter versammeln sich direkt vor der Bühne. Zuckersüß, traurig und erwärmend zugleich kann diese Band sein. Ab diesem Punkt sollte sich die Menge nicht mehr setzen.

Improvisationstalent

Improvisiert geht es weiter. Die Technik will nicht so recht mitspielen, ein Sampler spinnt und während die Mitmusiker stöpseln, drehen und drücken, sattelt Flavian Graber einfach um. Die Akustikgitarre wird genommen, das Inear herausgezogen und ein Stuhl in die Mitte der Menschentraube gestellt. Auf diesen jongliert sich der sympathische Schweizer mit seinem Gewicht. Aufrecht stehend, stimmt Graber eine Akustikversion von „A View That Almost Kills“ an. Wie leise er und seine Gitarre klingen. Und wie schön zugleich. Das Publikum ist gebannt, singt still mit und wippt sich in seine Worte. Es sind die ruhigen Momente, die diese Band beherrscht.

Flavian Graber hatte viel Zeit, wie er mit seinem leicht putzigen Dialekt verrät. Neue Inspiration kommt oft durch neue Instrumente. Eine Keytar (ein Keyboard als Gitarre) habe er sich zugelegt und er sei sich noch nicht so sicher, ob das Gerät cool oder protzig wirke. Auch egal, denn „Spiderman“ ist ein gelungenes Experiment. Der neue Song läutet ein 80s-Revival im Sound von WIP ein. Damit liegt die Band im Trend. Und der Wagemut geht auf. Tanzbar und catchy ist der neue Weg von WIP!

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Grenzen überwinden

Der folgende Track „Fuss“ geht in die gleiche Richtung, wirkt aber anbiedernd. CHROMEO gehen da ein Stück weiter als WE INVENTED PARIS. Es wirkt leider arg kontrastreich zu der bisher eingeschlagenen Folk-Richtung. Doch dem Publikum gefällt es. Hier und da meint man DAVID BOWIE in dem Songwriting zu erkennen. Spielfreude hat die Band. Stilistische Grenzen wären auch nicht passend, bei einem europäischen Kollektiv.

Graber will sich weiterentwickeln. In seiner Ansage für den folgenden Song „Touriste“ erzählt er von den Reaktionen seiner Freunde, die sehr gespalten auf das nun folgende Lied reagiert haben. Abneigung und Begeisterung waren die zwei Pole, die deutlich Stellung bezogen. Was folgt, ist ein minimaler Drumbeat und ein etwas entrücktes Stück Musik. Die klatschenden Zuschauer verorten sich eindeutig in der Ecke „Begeisterung“. Der Kontrast zum sonst folkigen Sound ist gelungen!

Tiefe Rührung und Plastik

„Lost With You“ reißt das Ruder wieder um. Graber spaziert in die Mitte des Zuschauerraumes, setzt sich auf einen Tisch und schaltet ein uraltes Flohmarkt-Heim-Keyboard ein. Das leicht verstaubte japanische Spielzeug liegt auf seinen Knien. Viele Sounds habe das Gerät, nur einer sei nutzbar. Und was dann folgt, ist ein wunderschönes Stück Musik. Zerbrechlich singt der Künstler über Obsession und die Unmöglichkeit einer Beziehung. Behutsam bedient der Frontmann die Plastiktasten. Die Menschen um ihn herum schauen gebannt, zeigen sich gerührt und manch einer muss hinter seinem filmenden Smartphone-Display schlucken.

Für den anschließenden Song „Dance On Water“ begibt sich der Sänger wieder zu seinen Freunden auf die Holzbühne.  Das Lied ist in seiner Traurigkeit angenehm schleppend. Dieser süßliche  Schwermut ist wirklich das Ding von WE INVENTED PARIS. Ein weiteres wundervolles Stück an diesem Abend sollte „Farmer“ sein. Schneidende Akustikgitarren, gekonnter Aufbau, melodische Bögen und ein Sound, zu dem man sich zeitgleich vor einen Zug werfen oder lebensfreudig die ganze Welt umarmen möchte. Hier und da erkennt man RADIOHEAD in den ruhigen Passagen. Keine schlechte Assoziation! Nahtlos geht das Quartett in ihren Hit „Iceberg“ über. Die Menge schreit vor Freude. Ein einfach guter Popsong – treibend und versehen mit einer unwiderstehlichen Hookline.

Schweizer Klischees

Nach rund 75 Minuten geht die Band unter tosendem Beifall von der Bühne, nur um dann noch einmal für vier Zugaben zurückzukehren. Es folgt eine Ansage, demnach ein neues Album auf dem Weg sei. Und ein neuer Song schließt sich an. Die Band erklärt schmunzelnd, das nun folgende Stück handle von Schweizer Klischees. In der atmosphärischen Midtempo-Nummer werden wir Menschen besungen, die sich manches Mal emotional und geistig ähnlich einem Luftschutzbunker verkriechen. Ein Aufruf gegen Abschottung mit dem Namen „Air Raid Shelter“.

Es folgt „More“. Die Nummer klingt stellenweise arg nach PLACEBO, gerade wenn Flavian Graber wie Brian Molko klingen lässt. Zum Höhepunkt des Liedes sampelt sich Graber mehrfach selbst. Eine Soundwand baut sich auf und die Maschine singt nun für ihn, während er die Bühne verlässt und mit den entzückten Zuschauern tanzt. Schnell wird sich die Keytar ein zweites Mal geschnappt und ein wildes Arpeggio wirbelt durch die Boxen.

Versprechen eingelöst

Diese Band weiß absolut geschmackvoll mit ihren Instrumenten umzugehen. Versiert wird ein kluges Spiel, mit Liebe zum Detail, betrieben. Das abwechslungsreiche Set kommt gut an. Viel Applaus darf geerntet werden, während sich die vier verschwitzten Musiker verbeugen.

Der Abend versprach ein intimes und musikalisch erfüllendes Erlebnis in einer entspannten Atmosphäre zu werden. Das Versprechen haben die Veranstalter der Sommerklänge-Reihe eingelöst.  Eine wirklich tolle Konzertreihe, die Kleinoden und noch unbekannteren Bands eine Chance und eine wirklich schöne Bühne inmitten von Grün bietet.

WE INVENTED PARIS (Fotos: Alexandra März)

Hendrik Rathmann
Hendrik Rathmann

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