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WILLIE NELSON, DAVID RITZ – Mein Leben: Eine lange Geschichte

18 Januar 2016 No Comment
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WILLIE NELSON, DAVID RITZ - Mein Leben: Eine lange GeschichteDrei Akkorde und die Wahrheit – das ist es was einen Country-Song ausmacht

Viele Legenden in der Musikwelt, die von den Göttern mit begnadeten Talenten ausgestattet wurden, lebten nach dem Motto „Live fast, die young“. In der Klassik war es Mozart, im frühen Rock and Roll waren Buddy Holly, Eddie Cochran und Elvis, diejenigen, die ein früher Tod ereilte. Das Country & Western Genre hatte mit Hank Williams, geboren 1923 in Butler County, Alabama, den archetypischen Rebell, der seine eigenen Lieder schrieb und sich aus der Seele sang, leider aber Alkohol und Drogen nicht abgeneigt war.

Gestorben 1953 im Alter von 29 Jahren auf dem Weg zu einem Konzern auf dem Rücksitz eines Autos, ebnete er den Weg für die nachfolgende Generation, die in ihren Cadillacs gen Nashville fuhren. Seine Musik war authentisch wie das Leben, mal fröhlich (Hey good lookin‘), mal traurig (I’m so lonesome I could cry) und deswegen auch vom Publikum geschätzt. Seine Nachfolger waren der überschätzte Johnny Cash und der überhaupt nicht nach einem Star aussehende Willie Nelson. Nelson wurde 1933 in einem 300 Seelen-Kaff namens Abbott in Texas geboren und wurde von seinen Großeltern aufgezogen, schloss aber nicht mit der High School ab, sondern strebte bald eine Karriere in der Musik an als er sah, dass er mit seinem Gesang leicht an Frauen, Alkohol sowie Ruhm und Geld kam um seine Familie zu unterstützen als auf Baumwoll-Feldern körperlich hart zu arbeiten.

Wie damals üblich früh verheiratet, musste er früh für den Unterhalt seiner Familie aufkommen und scheute sich nicht davor die übelsten Jobs zu machen um weiterhin seiner wahren Liebe – der Musik – zu frönen. Wie in einem klassischen Hollywood-Film arbeitete er als Sattelmacher, Gärtner, Rausschmeißer und Radio-DJ – stets on the road (wie in seinem 1980er Hit-Lied) auf der Suche nach einem besseren Leben, das nicht kam.

Was in rettete war, dass er gut Geschichten erzählen konnte – verpackt in einfachen Liedern, die er mit sonorer Bariton-Stimme vortrug, so schrieb er sein erstes Lied mit sieben Jahren und spielte mit neun Jahren bereits in Gruppen. Klar, dass er vom Pfad der Tugend abkommt bis er Rock Bottom – den absoluten Tiefpunkt – erreicht und sich mühselig wieder nach oben kämpft. 1960 hatte er endlich mit dem von ihm geschriebenen und von Claude Gray gesungenen „The Family Bible“ einen Hit. Patsy Cline nahm 1961 sein „Crazy“ auf und kam damit auch in die Hitparade.

Fortan konnte sich Nelson vor Angeboten selber aufzunehmen nicht retten, aber erwartet wurde von ihm „sauberer“ Country & Western, wie er seit den späten Fünfzigern in Nashville von Chet Atkins als Reaktion auf den kommerziellen Siegeszugs des Rock and Roll produziert wurde. Unbeugsam im Konflikt mit der Musikindustrie zog er sich 1972 wieder nach Texas zurück und zeigt Nashville den ausgestreckten Mittelfinger. In Austin kam er mit der Counterculture in Berührung und begann Jazz- und Folk-Elemente in seinen Sound zu integrieren. Auch optisch veränderte sich und ließ sich seine charakteristischen Zöpfe wachsen.

Befreit von seinem RCA-Vertrag unterschrieb er als erster Country & Western-Künstler bei der Soul-Firma Atlantic, die ihm künstlerisch freie Hand ließ. Das Album „Shotgun Willie“ von 1973 war ein Durchbruch für ihn und erreichte Platz 41 – die Outlaw Bewegung war geboren und mit dabei neben Nelson auch Johnny Cash, Waylon Jennings, Merle Haggard, Kris Kristofferson, David Allan Coe, Leon Russell, Townes Van Zandt, und Gram Parsons.

1978 gründete er sein eigenes Label Lone Star Records und machte sich für die Legalisierung von Marihuana (Slogan: „Legalize it!“) breit – ein Umstand, dem ihm gesundheitlich entgegenkam als er seinen 3 Schachteln Zigaretten am Tag-Konsum zugunsten Marihuana aufgab und somit seine Lunge rettete. Sein Status erlaubt ihm sogar auf dem Dach des Weißen Hauses in Washington DC einen Joint zu rauchen. Die vorliegende umfassende Autobiographie beweist, dass Nelson das Herz auf dem richtigen Fleck hat und ungern mit der Masse schwimmt, sondern seinen „rugged individualism“ beibehält.

Geschätzt sind seine Songwriter-Qualitäten, die er in Tearjerker-Balladen in Storyteller-Manier zum Besten gibt sowie seine stilistische Vielfältigkeit, die seinen Ruhm bis heute andauern lässt. Der Erfolg gibt ihm Recht – er landet 22 Nummer Eins Hits und 14 Nummer Eins Alben sowie 10 Grammys®. Wie sagte er zu Waylon Jennings, seinem Partner in dem Country & Western-Superstarprojekt Highwaymen, so treffend: „Es ist eine Frage des Gottvertrauens, Waylon. Und ich habe genug Gottvertrauen für mein ganzes Leben und auch noch für die Leben, die vielleicht danach kommen.“

Mitunter etwas langatmig und detailverliebt erzählt Nelson seine Lebensgeschichte und lässt uns daran teilhaben wie er bei dem Wohltätigkeitslied „We are the world“ seinen Einsatz verpasste. Das Farm Aid-Projekt mit Neil Young initiierte und sogar in Hollywood Karriere als Filmschauspieler macht. Selbst ein Duett mit Julio Iglesias 1984 scheut er nicht – immer mit dabei natürlich seine geliebte Gitarre Trigger. Dieses Buch ist die ideale Lektüre, die sich für die amerikanische Populär-Kultur und Geschichte interessieren, für wahre Country & Western Fans ist es sowie ein Muss. Hank Williams wäre stolz auf ihn gewesen.

WILLIE NELSON, DAVID RITZ – Mein Leben: Eine lange Geschichte
Bewertung: 5 von 6
VÖ: 26.10.15
Verlag: Heyne Verlag / randomhouse.de
Format: Hardcover Buch, 448 Seiten Gebunden, 448 Seiten, 220x145mm. 8 Seiten Fotos
Künstler: willienelson.com

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