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BOY7

20 August 2015 No Comment
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© Koch Media

Orientierungslos läuft Sam (David Kross) bzw. der titelgebende Boy 7 durch einen U-Bahnhof. Offensichtlich hat er sein Gedächtnis verloren und weiß dementsprechend nicht mehr, wer oder wo er gerade ist und schon gar nicht, wo er hin will. Regisseur Özgür Yildrim und Drehbuchautoren Philipp Delmaar und Marco van Geffen gönnen ihrem Protagonisten und dem Zuschauer nur ein paar Minuten dieser Orientierungslosigkeit bis sie ihm, wie sie es anscheinend im Drehbuchkurs -einmal eins gelernt haben, praktischerweise sein eigenes Tagebuch finden lassen, das er auf der Toilette eines Restaurant findet.

Dort steht alles drin, was Sam und das Publikum wissen müssen, um diesen kleinen Teenie-Thriller uninteressant und langweilig zu machen: Sam wurde von einer hübschen Mitschülerin dazu angestiftet, in den Schulcomputer einzubrechen und ihre Noten umzuschreiben. Da er so etwas wie ein Hacker-Genie ist, aber scheinbar sonst nicht besonders schlau ist, wird er schnell erwischt und vom hohen Gericht zu einem Aufenthalt in einem speziellen Internat verurteilt.

"Boy 7"

Direktor Fredersen (Jörg Hartman) möchte jugendliche Delinquente auf den Pfad der Tugend führen © Koch Media

Hier wollen der Direktor Frederson (Jörg Hartmann) statt Bestrafung seine und die besonderen Talente von jugendlichen Kleinkriminellen fördern, um sie auf die richtige Bahn zu leiten. Bis auf einen masturbierenden Mitbewohner, ein paar Meinungsverschiedenheiten mit der Schulrebellin Lara/Girl8 (Emilia Schüle) und wenig Talent beim Paintball, findet sich Sam schnell in der neuen Schule ein. Doch wird ihm nach kurzer Zeit bewusst, dass alles nicht so fein ist wie am Anfang angenommen, sowieso nicht alles Gold ist was glänzt und man im Leben nichts geschenkt bekommt: Immer mehr zuvor aufmüpfige Schüler beginnen sich merkwürdig, konform und roboterhaft zu verhalten und sind kaum wieder zu erkennen.

Basierend auf den gleichnamigen Jugendroman von Mirjam Mous ist „Boy 7“ eines dieser nachdenklichen Stücke, die Schüler in der siebten oder achten Klasse gerne mal vom Deutschlehrer oder Lehrerkollegium vorgesetzt bekommen, in der Hoffnung, den jungen Erwachsenen eine dystopische geistige Herausforderung zu bieten. Gegen hochwertigere Young Adult Bücher und deren Verfilmungen, die sowohl inhaltlich als auch in Sachen Produktionswert, jungen Stars kann dieser bemühte Versuch allerdings nur verlieren. Auch wenn der letztjährige „Hunger Games“, in seiner Hoffnung politisch relevant zu sein, gnadenlos naiv war, hat „Boy 7“ nicht einmal ansatzweise genug Futter zu bieten, um ernstzunehmende deutsche Konkurrenz zu sein.

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Sam (David Kross) und Lara (Emilia Schüle) bereiten sich auf ihre Rebellion © Koch Media

Wie seine großen Vorbilder Aldus Huxley „Mit schöne neue Welt“ möchte Regisseur Yildrim das Verlangen nach Kontrolle von Autoritäten über Jugendliche erforschen, damit diesen den perfekten Menschen erschaffen können. Auf Verschwörungstheorien, Paranoia und Suspense zielt er es ab. Jedoch findet sich „Boy7“ letztendlich in so vielen Klischees wieder, dass nichts davon ernst zu nehmen ist oder gar ansprechend ist, wie auch viele Jugendlich gnadenlos feststellen werden.

Natürlich verliebt sich Sam in Lara und jeder, der einen Coming of Age Film schon einmal gesehen hat, wird schnell raus haben, welche Wendungen sowie Tief- und Höhepunkte diese Beziehung schließlich nimmt. Einzig und allein Jens Harzer wirkt zur Freude des Zuschauers herrlich überzeichnet und sorgt für unfreiwillige oder auch freiwillige Komik: Als Co-Rektor Isaak ist schon in den ersten 10 Minuten als Klischeebösewicht und Fädenzieher identifizierbar, mit einem notorischem Drang die fettigen Haare ständig nach hinten zu kämmen.

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Isaak (Jens Harzer) guckt böse und ist böse © Koch Media

Das Spiel vom jungen und sonst talentierten David Kross wirkt in seinem Willen, Angst, Verwirrung und Paranoia wiederzugeben sehr bemüht. Auch seinem Co-Star Emilia Schüle wird hier nicht Arbeit gegeben, außer ständig schlecht gelaunt zu sein. Selbst die Kamera versucht angestrengt Paranoia und Verwirrung darzustellen. Allerdings deutet deren ständige Schräglage eher auf eine Innenohrproblem von Kameramann Matthias Bolliger hin.

Unterlegt mit einem penetranten Techno-Gewumme, das insbesondere den Hackerszenen verzweifelt Dynamik verleihen soll, ist aus „Boy7“ ein schwacher, sich wenig trauender deutscher Beitrag zum Young Adult-Kasperle-Theater geworden.

BOY7

Bewertung: 2 von 6
Darsteller: David Kross, Emilia Schüle, Ben Münchow, Jens Harzer, Jörg Hartmann, Liv Lisa Fries, Buddy Ogün, David Berton, Anna von Haebler, Ceci Chuh, Karin Johnson, Nina Petri
Regie: Özgur Yildrim
Kamera: Matthias Bolliger
Drehbuch: Philipp Delmaar, Marco van Geffen, Özgur Yildrim
basierend auf einen Roman von: Mirjam Mous
Musik: Timo Pierre Rositzki
Produktion: Dorothe Beinemeier, Leontine Petit, Joos de Vries, Marcos Kantis
Ko-Produktion: Daniel Hetzer, Kay Niessen, Hermann Joha

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