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VICTORIA

17 Juni 2015 No Comment
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Victoria Poster

© Senator

Ausgelassen tanzt die Titelheldin (oder Titel-Antiheldin?) Spanierin Victoria (Laia Costa) in einem Nachtclub in Berlin, wo sie ansonsten in einer Bäckerei für einen kargen Lohn arbeitet. Die junge Frau ist deutlich auf der Suche nach einer Form von menschlichen Kontakt, so dass sie sogar versucht, den Barkeeper in einen ungelenken Smalltalk zu verwickeln.

Als sie sich gerade auf dem Heimweg befindet, lernt sie die vier Freunde Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) kennen, die rein aus Spaß in ein Auto einbrechen. Ein Unterfangen, das gerade noch verhindert werden kann. Victoria lässt sich jedoch nicht abschrecken und macht sich mit den vier feierlustigen Freunden auf den Weg, um die Berliner Nacht zu erkunden.

victoria trifft auf Sonne und Boxer

Victoria (Laia Costa) trifft auf Sonne (Frederick Lau) und Boxer (Franz Rogowski) © Senator

Mit zaghaften Versuchen und niedlich gebrochenem Englisch kommen sich insbesondere Sonne und Victoria langsam näher. Aber auch zum Rest der Gruppe entwickelt sie innerhalb kürzester Zeit eine innige Freundschaftsbeziehung. In dem augenscheinlich aggressivem Männerquartett steckt ein hochsensibler Kern und Victoria wird ohne Zögern sofort integriert.

Den Vieren steht allerdings eine gefährliche Nacht bevor, denn Boxer steht nach einem Gefängnisaufenthalt in der Schuld eines Gangsterbosses, die er mit einer gefährlichen Nacht und Nebel – Aktion begleichen muss. Da Kollege Fuß etwas zu tief ins Glas gesehen hat, muss und möchte Victoria als vierte im Bunde aushelfen. Und die schicksalhafte Nacht nimmt ihren Lauf.

Boxer steckt in Schwierigkeiten

Boxer (Franz Rogowski, Mitte) steckt in Schwierigkeiten © Senator

Dem ein oder anderen Zuschauer mag es vielleicht naiv vorkommen, dass Victoria so bereitwillig bei dem offensichtlich illegalen Unterfangen aushilft. Jedoch offenbart sich schon zu Beginn der Handlung, dass sie innerlich gebrochen ist und nicht davor zurückschreckt, sprichwörtlich am Rande des Abgrundes zu tanzen. Der Grund dafür liegt in ihrer Vergangenheit begraben: Einst ein Klavierwunderkind, wurde sie unter einem für das Laien-Auge unsinnigen Vorwand von einer prestigeträchtigen Musikschule ausgeschlossen. Ein verschwendetes Leben wie es den Anschein hat.

Fortan ist sie auf der Suche. Nur wonach genau, scheint unbestimmt. Was immer es auch sein mag, sieht sieht sie es in den vier Freunden und insbesondere in Sonne. Die Nacht, die Ihnen bevorsteht, eröffnet ihr einen Zugang zu einem vollem emotionalen Spektrum bestehend aus Liebe, Freundschaft, Ausgelassenheit, Ekstase, Angst und Trauer.

Laia Costa und Frederick Lau

Eine Nacht voller Emotionen: Laia Costa und Frederick Lau © Senator

Es ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass Regisseur Sebastian Schipper den Film „Victoria“ in einer Einstellung drehte. Was wie ein Gimmick scheint, sorgt für eine großartige Symbiose zwischen Form und Inhalt. Wie die fünf Hauptprotagonisten befindet sich auch der Zuschauer in einem Adrenalin-Rausch und verliert sich in der emotionalen Achterbahnfahrt, so dass selbst augenscheinlich unsinnige Entscheidungen im Eifer des Gefechts zumindest auf einer intuitiven, wenn schon nicht logischen Erfahrungsebene verständlich werden. Nichts zuletzt ist das der beeindruckenden Kameraarbeit von Sturla Brandth Grovlen zu verdanken, der seiner Protagonistin immer dicht auf den Fersen ist.

Regisseur Sebastian Schipper, der selbst Schauspieler ist, stellt auch in „Victoria“ wie in seinen wunderbaren  Filmen „Absolute Beginner“ und „Ein Freund von mir“ das Thema Freundschaft in den Mittelpunkt. Auch hier tritt eine Frau in die Mitte, die allerdings nicht wie so oft in eher klischeehaften Vertretern solcher Beziehungskonstellationen als Störfaktor und Grund für Eifersucht und Zwistigkeiten herhalten muss, sondern warmherzig direkt in das loyale und in sich geschlossene Freundschaftscluster eingebunden wird.

victoria im Nachtclub

Das Adrenalin der Protagonisten überträgt sich aufs Publikum: Laia Costa, Frederick Lau und Franz Rogowski © Senator

Ein besonderes Lob verdient auch die darstellerische Leistung:  Schipper hat in den vier Herren Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit und Max Mauff eine Männergruppe gefunden, die man sofort abkauft, dass sie sich schon seit Kindestagen kennen. Jedoch ist Hauptdarstellerin Laia Costa der wirkliche Glücksgriff dieser Produktion: Sensibel, traurig, verletzlich, tough, mutig und vor allem natürlich – nur einige Facetten, die sich in ihrem Spiel wiederfinden lassen.

Schipper hat ein interessantes Stück deutsches Genre-Kino erschaffen, wie man es nicht allzu oft in Deutschland sieht. Er setzt auf ergreifende Bilder, Stimmung, rauschhafte und mitreißende Atmosphäre anstatt auf ausufernde Dialoge. Diese lässt er sogar zwischendurch ganz verstummen während der Film mit der wunderbaren Musik von Nils Oliver Fram untermalt wird.

VICTORIA

Starttermin: 11.06.2015
Darsteller:Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff, Andre M. Hennicke, Anna Lena Klenke, Philipp Kubitza
Regie: Sebastian Schipper
Kamera: Sturla Brandth Grovlen
Drehbuch: Sebastian Schipper
Musik: Nils Oliver Fram
Produktion: Jan Dressler, Sebastian Schipper, Anatol Nitschke, Catherine Baikousis, David Keitsch

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